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[Von Sabine Näher] - Zur Sicherheit hat er Schulmusik studiert – da weiß man, was man hat. Von all den anderen zahlreichen Studienfächern Winfried Tolls läßt sich das nicht ohne weiteres behaupten: Philosophie, Theologie, Komposition und Musiktheorie belegte der gebürtige Westfale in Münster und Freiburg, bis sich allmählich herauskristallisierte, wo seine Leidenschaften lagen: beim Gesang und Dirigieren.
"Ich hatte einen schweren lyrischen Tenor – und man legte mir nahe, mich der Operette zuzuwenden. Das war nun nicht so ganz nahc meinem Gusto ... Mit dem Dirigieren hatte ich immer schon geliebäugelt, also intensivierte ich diese Beschäftigung, bis ich im Jahre 1988 die Camerata Vocale Freiburg übernahm. Mit diesem Chor ging es dann schnell bergauf: 1990 schon gewannen wir den ersten Preis beim Europäischen Chorwettbewerb in Irland. Es folgten CD-Produktionen – und ich wußte, daß ich mit dem Dirigieren die mir gemäße Aufgabe gefunden hatte."
Davon waren wohl auch andere überzeugt: Als die Nachfolge von Christian Collum beim Kölner Bach-Verein anstand, wurde Toll zu einem Gastdirigat eingeladen. Er leitete Bachs "Weihnachtsoratorium" und wurde 1994 zum neuen Chordirektor berufen. Neben seiner Gastprofessur für Chorleitung in Frankfurt wirkt Toll an der Freiburger Musikhochschule als Dozent für Gesang, betreut nach wie vor "seine" Camerata und hat nun noch regelmäßige Verpflichtungen in Köln: Winfried Toll ist ziemlich ausgelastet ...
"Vor allem sind die verschiedenen Tätigkeiten mit großem Reiseaufwand verbunden – praktisch ist nur, daß Frankfurt auf halber Strecke zwischen Freiburg und Köln liegt: So lassen sich die drei Städte noch ganz gut miteinander verbinden."
Drei Städte – drei verschiedene Mentalitäten: Liegt dem Westfalen das Rheinland eigentlich nicht näher als der ferne Breisgau?
"Freiburg ist nach wie vor mein Lebenszentrum. Aber gemessen an einer Stadt wie Köln ist Freiburg ein Nest! Diese Offenheit, Lebendigkeit, das irgendwie italienische Flair kann einen schon für Köln einnehmen – die vielfältigen künstlerischen Möglichkeiten, die es hier gibt, die Alte-Musik-Szene, die Theater, das reiche Konzertangebot! In einer solchen Kulturhauptstadt zu leben hat einen großen Reiz. Wenngleich ich nicht wüßte, wie ich inmitten dieses Trubels die Ruhe zum Komponieren finden sollte – da zieht es mich dann wohl doch wieder in die Schwarzwald-Metropole ..."
Doch nicht nur die Möglichkeiten einer Stadt wie Köln haben Winfried Toll bewogen, das angebotene Amt anzunehmen:
"In Freiburg habe ich einen Kammerchor: Wir beschäftigen uns vorwiegend mit a cappella-Musik bis hin zu avantgardistischen Werken. Hier habe ich nun die Möglichkeit, mit dem großen oratorischen Repertoire zu arbeiten, mit Orchester, mit Solisten – und nicht zu vergessen: in einem wunderbaren Saal! Die große und durchaus spürbare Konkurrenz in Köln fordert einen natürlich auch heraus. Ich mag es, wenn ich kämpfen muß! Und im Chor des Bach-Vereins möchte ich Schritt für Schritt meine Vorstellungen davon, wie ein solcher Chor klingen sollte, verwirklichen. Wir kommen gut voran; der Chor wächst mehr und mehr zusammen – was wir aber unbedingt noch brauchen, sind ein paar junge Sängerinnen und Sänger. Denn für mich ist ganz wichtig, daß wir uns von diesem Image lösen können, das man gemeinhin mit dem Bach-Verein verbindet: diese Kapsel des Etabliertseins. Mein Ziel ist es, so aufregende Musik wie nur irgend möglich zu machen – und alle, die dazu bereit sind, lade ich herzlich ein, einmal bei uns vorbeizuschauen!"
Falls sich der eine oder andere angesprochen fühlt: Die Proben finden donnerstags um 18.45 Uhr im Humboldt-Gymnasium statt. Und was erwartet Toll von Interessierten?
"Vom-Blatt-Singen muß er oder sie können, über eine flexible Stimme und musikalische Phantasie verfügen! Eine gute Chorstimme braucht nicht solistisch einsetzbar sein, im Gegenteil: Die Verschmelzung der Stimmen steht bei der Chorarbeit im Vordergrund, so daß gerade die Verbindung von ausgebildeten und Laienstimmen, die aber eine gute Stimmführung haben müssen, eine ideale Balance ergibt. Das Wichtigste ist die Bereitschaft, intensiv am Klang zu arbeiten, farbige Musik zu machen – es muß aufregend sein und eine große Gefühlstiefe aufweisen. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, ist es beglückend, mit einem Ensemble zu arbeiten – denn: Ein Dirigent braucht einen Chor, nicht nur der Chor einen Dirigenten! Sie brauchen meine Phantasie, ich brauche ihre Phantasie – wo sich das trifft, entstehen die großen Momente des Musizierens ..."
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