PRESSE-ECHO
"Neuhoffs Matthäuspassion"

[Fritz Herzog] - Als nachgerade mustergültig darf Thomas Neuhoffs Auseinandersetzung mit Johann Sebastian Bachs "Matthäus-Passion" angesehen werden, die jetzt in einer Aufführung durch den Chor des Bach-Vereins Köln und dessen Jugendprojektchor, begleitet von der "Neuen Düsseldorfer Hofmusik", in der Kölner Philharmonie zu erleben war. Mustergültig, weil es Neuhoff hier überzeugend gelungen ist, das mit Doppelchor und -orchester groß dimensionierte, oratorisch liturgische Werk klangästhetisch auf eine gleichsam imaginäre Bühne zu "projizieren", um die dramatischen, die Affekte betonenden Potenziale eindringlich zur Wirkung zu bringen, wobei der dramaturgische Spannungsbogen über annähernd drei Stunden hinweg nirgends abreißt. Bachs dicht gefügte, die Leidensgeschichte Jesu reflektierende Synthese aus Rezitativen, Turba-Chören, Arien und Chorälen wirkt bei Neuhoff absolut stringent und unmittelbar. Verblüffend dabei die Durchhörbarkeit und Textverständlichkeit selbst komplexester Chorpassagen, makellos in Intonation wie Pünktlichkeit. Nicht unwesentlichen Anteil an dieser überaus eindringlichen Interpretation hatte das homogen abgestimmte, sensibel gestaltende Solistenquintett aus James Gilchrist, Tenor (Evangelist) und Thomas Laske, Bariton (Jesus), sowie Monika Mauch, Sopran, Franziska Gottwald, Alt und Klaus Mertens, Bass (Judas, Petrus, Pilatus, Hoher Priester). Nach dem letzten Ton blieb es eine kleine Ewigkeit völlig still in der Kölner Philharmonie. [Erschienen: General-Anzeiger Bonn, Freitag, 12.3.2010]



"Sehnsucht nach der Hingabe"

Bach-Verein präsentierte "Matthäuspassion" in der Philharmonie

[Volker Fries] – Thomas Neuhoff, Leiter des Bach-Vereins, erstarrte nach dem letzten Akkord von Bachs Matthäus-Passion in der Philharmonie eine Weile zur Salzsäule. Das wirkte etwas übertrieben, zumal sein gut dreistündiges Dirigat zuvor eine Spur mehr Hingabe durchaus hätte vertragen können.
Seinen Chor hatte Neuhoff freilich glänzend eingestellt und vorbereitet. Er sang intonationsrein und stimmlich ausgereift, die Arbeit und Sorgfalt, die man hier aufgewendet hatte, war durchweg zu hören. Doch ein wesentliches Element fehlte mitunter – innere Beteiligung. Im Bemühen um Authentizität hatte der Bach-Verein als Orchester ein bekannes Spezialensemble für originale Aufführungspraxis engagiert, die "Neue Düsseldorfer Hofmusik". Aber mussten deshalb die Choräle in Dynamik und Tempo zunächst geradezu uniform ablaufen? Man braucht gewiss keine "Gedenkminute" nach jedem Satzende, aber das andere Extrem macht die Sache auch nicht historischer. Zum Glück wendete sich das Blatt im zweiten Teil, da schöpfte Neuhoff Bachs psychologischen Facettenreichtum einfallsreicher aus. Und das mirakulöse "Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen" war schließlich alles andere als eine gefühlsarme Bestandsaufnahme.

Instrumente im Vordergrund
Die Gesangssolisten standen zwischen Chor und Orchester etwas unglücklich im Abseits, daher behielten die alten Instrumente meist die Oberhand. Der Evangelist James Gilchrist setzte sich mit rückhaltlosem Espressivo noch am erfolgreichsten zur Wehr, dicht gefolgt von Klaus Mertens, der mit seiner Erfahrung die Bass-Arien zu kleinen Höhepunkten machte. Der Christus von Thomas Laske blieb dagegen, auch aufgrund von Neuhoffs Eiltempo, etwas blass. Sein "Eli, Eli ..." jedoch hatte am Ende Format. Franziska Gottwald (Alt) und Monika Mauch (Sopran) drangen nicht immer so durch, wie dies ihre schönen Timbres verdient gehabt hätten. Dafür brillierte das Orchester (streng doppelchörig) oft spektakulär: z.B. mit der fabelhaften Gambistin Imke David. [Erschienen in: Kölnische Rundschau, 9.03.10]



"Bach-Verein singt Matthäus-Passion"

Bach-Verein singt Matthäus-Passion (07.03.2010)
[mb] - Am dritten Sonntag in der Passionszeit war in der Kölner Philharmonie eine bewegende Aufführung der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach zu erleben. Thomas Neuhoff leitete souverän und uneitel Chor und Orchester samt den Giovani del Coro, dem Jugendprojektchor des Bach-Vereins Köln. Deren Cantus-firmus-Beiträge kamen sehr sicher, textgenau und klangschön; auch bei den Chorälen im ersten Teil unterstützten sie den Chor des Bach-Vereins Köln. Auch diesem gebührt hohes Lob für seine ganz am Text orientierte Gestaltung und makellose Intonation. Bewundernswert die Spannbreite von bußbereiter Innigkeit bis zu den wild aufgewühlten Turba-Chören. Die Solisten trugen wesentlich zum eindringlichen Erlebnis bei. Besonders dramatisch und emotional gestaltete James Gilchrist seine umfangreiche Rolle als Evangelist. Dem Bariton Thomas Laske waren die Christusworte anvertraut, die Würde und Menschlichkeit ausstrahlten. Sehr anrührend auch die mit schlanker Stimmführung gestalteten Rezitative und Arien von Monika Mauch (Sopran), Franziska Gottwald (Alt) und dem Bassisten Klaus Mertens. Zu all dem gab die federnd und beweglich aufspielende Neue Düsseldorfer Hofmusik eine vorzügliche Basis. Das nicht zum ersten Mal mit dem Bach-Verein kooperierende Orchester ist auf historische Aufführungspraxis spezialisiert mit fast vibratolosem Spiel und sehr expressiver Bogenführung, was zusammen mit den vorzüglichen Holzbläsern einen sehr transparenten und differenzierten Klang ergab. Am Schluss konnte Thomas Neuhoff eine lange Stille halten, ehe der verdiente Applaus einsetzte. [Erschienen in: Köln-Bonner Musikkalender]



"Die Peitsche knallt nicht gerade laut"

Bach-Verein mit der Matthäuspassion

[Gerhard Bauer] – Der Kölner Bach-Verein eröffnete, ziemlich früh im Kirchenjahr, in der Philharmonie den alljährlichen Reigen österlicher Passionsaufführungen mit der Matthäuspassion von Bach. Dem hauseigenen Chor und Jugendchor ("Giovani del Coro") waren die Neue Düsseldorfer Hofmusik und fünf einschlägig ausgewiesene Vokalsolisten assoziiert, die Leitung oblag Thomas Neuhoff – und der künstlerische Ertrag lag qualitativ in der Mitte. Wie das meist so ist, wenn auch stilistisch und emotional eine Mitte angestrebt wird.
Eine Tendenz zu Sachlichkeit, Glätte und Kühle trat immer wieder in den Vordergrund. Etwa durch verhetzte Tempi, die selbst Gemütsbomben wie den Choral "Oh, Mensch, erkenn (sic !) dein Sünde groß" oder die Arie "Mache dich, mein Herze, rein" entschärften. Oder durch Choräle, die, wo sie als Gemeindegesang angelegt sind, allzu oberstimmenlastig klangen. Oder durch große polyphone Chor-Ereignisse, die zwar gut studiert waren, aber in Stimmführung, Tempo und Dynamik nicht immer einleuchteten.

Am Wunder Bach teilnehmen
Manchmal, wenn es, wie in den Hetz- und Hass-Einwürfen, gar nicht anders ging, zog Neuhoff ins Plakative. Doch wenn der "Barrabam"-Schrei wie eine lang gezogene Nachhallstudie klingt und nicht wie Peitschenschläge, ist das so fragwürdig wie jene Maßnahme, die aus der Herrlichkeit des "Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen" einen dürren Kontrapunkt macht. Nicht nur hier schien es, als wolle Neuhoff das Potential seines exzellenten Chors gar nicht voll ausschöpfen.
Bei den Solisten war es als einzigem James Gilchrist (Evangelist, Tenor-Arien) gegönnt, auf weiter Skala alle Elemente des Chronisten, Kommentators und Mitleidenden zu gestalten, und er brachte seine gestalterischen Möglichkeiten dann auch zu bewegender Wirkung. Die Bässe Thomas Laske (Christus-Worte) und Klaus Mertens (Bass-Arien) fügten sich der mäßig temperierten Gesamtanordnung, Franziska Gottwald (Alt) entdeckte wenigstens Nuancen von Herzenswärme. Freilich: Ein großes Gefühl der Dankbarkeit, am Wunder Bach teilnehmen zu dürfen, stellte sich im Zuhörer auch diesmal ein. Weil manche Musik halt doch von Interpretation unabhängig ist. [Erschienen in: Kölner Stadt-Anzeiger, 9.03.10]




Bachs Matthäuspassion