BACH+XENAKIS

"... Ein Abend in der "Kunst-Station St. Peter" mit Vokal-Werken von Iannis Xenakis forderte vom Vokalensemble und dem ganzen Chor das Äußerste an Stimmgewalt, Reaktionsvermögen und Klangfantasie ... In 'Zyia' für Sopran, Männerchor, Flöte und Klavier (1952) waltet noch eine Spur von Kantabilität ... Bereits hier wurde Neuhoffs Souveränität am Pult deutlich. In 'Nuits' ... verblüffte eher die Vielfalt der aberwitzigen Geräusch-Imitationen aus zwölf Kehlen. Auch hier gingen von Neuhoff die wesentlichen Spannungsimpulse aus. Den stärksten Eindruck hinterließ der Chor vielleicht mit Serment-Orkos ... Neuhoff mobilisierte eindrucksvoll alle Reserven des gemischten Chors." (Kölnische Rundschau, 11.05.2013)



Kunst-Station St. Peter Köln

Im Rahmen des Kölner Musikfestivals "ACHT BRÜCKEN"

Bach+Xenakis
MUSIK - ARCHITEKTUR - MATHEMATIK

Johann Sebastian Bach:
Contrapunctus I (Version für Orgel)

Iannis Xenakis:
"Zyia" (1952, für Sopran, Flöte, Klavier, Männerchor)

Johann Sebastian Bach:
Contrapunctus II (Version für Klavier, Schlagzeug und Kontrabass)

Iannis Xenakis:
"Nuits" (1967/68 für 12 Stimmen)

Johann Sebastian Bach:
Contrapunctus VI a 4 in Stylo Francese (Version für Singstimmen und Instrumente)

Iannis Xenakis:
"Gmeeoorh" (1974, für Orgel)

Johann Sebastian Bach:
Contrapunctus IX alla Duodecima (Version für Klavier, Schlagzeug und Kontrabass)

Iannis Xenakis:
"A Colone" (1977, für Sopran, Alt, Frauenchor, Horn, Posaune, Cello, Kontrabass)

Johann Sebastian Bach:
Canon per Augmentationem in Contrario Motu (Version für Cembalo)

Iannis Xenakis:
"Serment" (1981, für 16-stimmigen Chor und Solostimmen)

Johann Sebastian Bach:
Canon alla Duodecima in Contrapunto alla Quinta (Version für Flöte und Cello)

Iannis Xenakis:
"Oophaa" (1989, für Cembalo und Schlagzeug)

Dominik Susteck:
Orgelimprovisation über den Contrapunctus I in Erinnerung an Iannis Xenakis


Ausführende:
Christiane Oelze, Sopran
Sofia Gvirts, Mezzosopran
Dominik Susteck, Orgel
Andreas Skouras, Klavier und Cembalo
Martin Piechotta, Percussion
Dirk Peppel, Flöte
Andrew Joy, Horn
Raphael Vang, Posaune
Nicholas Selo, Cello
Miriam Shalinsky, Kontrabass

Vokalensemble und Chor des Bach-Vereins Köln
Thomas Neuhoff, Dirigent

Karten:
Karten zu € 15 (erm. € 10,-) über KölnTicket und alle angeschlossenen Vorverkaufsstellen,
im Vorverkauf ab 19. Januar 2013

Der Handzettel zum Konzert steht Ihnen hier zum Download [1.886 KB] bereit.






WDR-Mitschnitt

WDR 3 sendet den Mitschnitt des Konzerts Bach+Xenakis am 5.6.2013 um 20.05 Uhr



Xenakis gilt immer noch als der radikalste Komponist des 20. Jahrhunderts, denn in die Werke dieses politisch engagierten Intellektuellen sind auch nichtmusikalische Ideen einbezogen und führen zu einer Synthese aus Musik, Architektur, Mathematik und Philosophie. Autobiografische Züge weist die ausgewählte Vokalmusik des gebürtigen Griechen auf: In dem in seiner Wahlheimat Frankreich geschriebenen Nachkriegswerk ZYIA ruft Xenakis – selbst nur knapp dem Tod entgangen – in seiner Muttersprache auf zum Kampf für die Freiheit und evoziert den "Frühling, der nun angefangen hat". Die rhythmischen Muster des Klavierparts sind aus der Fibonacci-Zahlenreihe entwickelt, während die Singstimmen folkloristische Züge aufweisen. Nach diesem in der Nachfolge Bartóks geschriebenen Jugendwerk von 1952 entwickelte Xenakis seinen ganz eigenen, innovativen Kompositionsstil, dabei weniger inspiriert durch den zeitweiligen Lehrer Messiaen als durch die bis 1959 andauernde Zusammenarbeit mit dem Architekten Le Corbusier.

Als Antipode der Komponisten serieller Musik schuf er aus einem naturwissenschaftlich-technischen Ansatz heraus die "Stochastische Musik" (mit Methoden der Wahrscheinlichkeitstheorie entstehen hier aus einer Rechenmaschine "Wolken" aus Klang). Das Umsetzen grafischer Kurven in Musik auch mit digitalen Rechnern erfolgte ab 1966 in einem eigens dafür gegründeten Pariser Zentrum (CEMAMu). Die Kenntnis solch komplizierter Zusammenhänge ist für das Hören der Musik von Xenakis nicht zwingend, ein Werk wie "Nuits" (1967) zieht ganz einfach durch seine völlig neuartige Behandlung auch von Singstimmen in den Bann (und gilt deswegen bis heute als Prüfstein für a cappella–Vokalensembles). Um auf die (selbst erlebte) Not und Sprachlosigkeit politischer Gefangener hinzuweisen, besteht dieses „Nachtstück“ nur aus altpersischen und sumerischen Silben und Phonemen.

Hingegen ist der Text des archaisch wirkenden "A Colone" (1977) dem "Oedipus auf Kolonos" des Sophokles entnommen, laut Xenakis vereinen sich hier "die Melodielinien mit der Sprachmodulation jener Zeit". Von höchster kompositorischer Raffinesse (und hierin den von Xenakis für das Kloster Sainte-Marie de la Tourette entworfenen Kirchenfenstern vergleichbar) ist "Serment", der "Eid des Hippokrates", ein 1981 im Auftrag des Kardiologen-Kongresses in Athen komponiertes Chorwerk.

Aus dem mehr als 130 Titel umfassenden Xenakis-Gesamtwerk erklingen in der Kunst-Station St. Peter neben der Vokalmusik auch zwei Stücke für Instrumente, die der Komponist besonders liebte: "Gmeeoorh" ist mit seinen an elektronische Musik erinnernden Klängen wie geschaffen für die 2004 von Willi Peter erbaute und seither ständig erweiterte Orgel. Bei "Opphaa" wird das Cembalo akustisch verstärkt und dialogisiert mit dem Schlagzeug, welches von leeren, unterschiedlich großen Blumentöpfen dominiert wird.

Da sich Xenakis in seinen Studienjahren intensiv mit Musik von Bach befasst und von dessen Fugen mehrfarbige grafische Darstellungen auf Millimeterpapier angefertigt hat, werden die Xenakis-Werke beim Komponistenporträt des Bach-Vereins Köln durch Kontrapunkte aus der "Kunst der Fuge" verbunden. (Thomas Neuhoff)