PRESSE-ECHO
"Furchen im Optimismus"

Die Kölner Chorkonzerte boten zwei Oratorien, entstanden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.

[Gerhard Bauer] - Musik aus schwärzester Zeit, aus tiefster menschlicher Not - diese Inhalte beschrieb die jüngste Sonntagsmatinee im Zyklus Kölner Chorkonzerte in der Philharmonie. Es gab zwei Oratorien, entstanden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs: In Terra pax von Frank Martin und A Child of Our Time von Michael Tippett. Beide Komponisten führen die Hoffnung im Banner, ohne sinderlich an sie zu glauben, un vor allem die steinerne Strenge von Martin erschüttert nachhaltig: Da scheinen die Heilig-Rufe am Schluss eher an Gott zu zweifeln, als ihn anzurufen.

Das in der Wirkung beklemmende und in der Ausführung meisterhafte Konzert vereinigte die drei Chöre, denen Thomas Neuhoff, der Dirigent der Aufführung, vorsteht: Kölner Bach-Vereins-Chor, Bonner Philharmonischer Chor und Jugendchor der Bonner Lukaskirche. Der Gesamtklang des solcherart riesigen neuen Ensembles war, bei aller momentanen Wucht, durchsichtig, rund und facettenreich. Ausdrucksmächtig, stimmgewandt und charakteristisch wurden jene Schreckensbilder entworfen, die Anlass der Kompositionen waren: der Einzug der Alliierten in der Normandie bei Martin und das Attentat auf einen Nationalsozialisten, das die Reichskristallnacht ausgelöst hat, bei Tippett.

Friedens-, Trost- oder Neubeginns-Visionen schenken die Stücke nirgends. Auch die Musiker in der Kölner Philharmonie tappten in keine Beschwichtigungsfalle. Sie setzten Zustände und Befindlichkeiten in Emotionen um, die schrecklich genug sind, um wahr zu sein. Exzellente Vokalsolisten taten das Ihre, Furchen in den Optimismus zu graben, stellvertretend seien Indra Thomas (Sopran), Gerhild Romberger (Alt) und Luca Martin (Tenor) lobend erwähnt. [Erschienen in: Kölner Stadt-Anzeiger, 15. Juni 2009]



"Plädoyer für den Frieden"

Kölner Chorkonzert
Es bot Stücke von Frank Martin und Michael Tippett: Zwei Ende des Zweiten Weltkriegs komponierte Oratorien standen im Mittelpunkt des sechsten Kölner Chorkonzerts in der Philharmonie.

[Matthias Corvin] – KÖLN. Im Programmheft abgedruckte Kriegsbilder aus Köln riefen die Zeit auch visuell noch einmal ins Gedächtnis. Sie zeigten etwa das zerstörte Eigelstein-Veedel 1945, GIs als Schutz vor Schaulustigen vor dem Dom oder eine Judenverspottung auf dem Karnevalszug 1934. Dass die Nazis bei den lebenslustigen Rheinländern auf keinen fruchtbaren Nährboden stießen, wie ab und an behauptet, ist eine typisch kölsche Mär. Nur paar mutige Gruppen wie die "Edelweißpiraten" wehrten sich.

Beachtlich, dass viele neugierige Kinder und Jugendliche dieses Konzert besuchten. Es war eingebunden in das Schülerprojekt "Kinder unserer Zeit", durchgeführt vom Bach-Verein Köln und dem Philharmonischen Chor der Stadt Bonn. Initiator war beider Chorleiter Thomas Neuhoff.

Als Plädoyer für den Frieden kann Martins "In Terra Pax" verstanden werden. Gewaltig bündeln sich darin die Chormassen. Der Schweizer Komponist verfasste das Oratorium in französischer Sprache. Er schrieb es parallel zum Befreiungsfeldzug der alliierten Truppen und ließ es am 7. Mai 1945, dem Kapitulationstag, im Schweizer Rundfunk senden. Die archaische Tonsprache verfehlte ihre Wirkung auch bei dieser Aufführung nicht. Die beiden Chöre sangen prachtvoll und mit angemessener Leidenschaft. Auch der Jugendchor der Lukaskirche Bonn brachte sich gegen Ende wirkungsvoll ins Geschehen ein.

Unter den Solisten setzte die Amerikanerin Indra Thomas bereits schöne Glanzpunkte, mitunter von einem allzu satten Vibrato getrübt. Neben ihr sang mit Gerhild Romberger eine sehr innige Altistin. Von den Herren gefiel allen voran Bariton Thomas Laske und der souveräne Bass Klaus Mertens. Gegen ihre sonoren Stimmen konnte sich Tenor Luca Martin nur schwer durchsetzen.

In Tippetts "Child of our Time" (1944), der bewegenden Geschichte des zum Attentat getriebenen jüdischen Jungen Herschel Grynszpan, waren die reizvollen Spirituals Höhepunkte. Neuhoff, die beteiligten Chöre und das jederzeit klangvoll begleitende Gürzenich-Orchester boten eine sehr homogene Aufführung des englischen Meisterwerks, die mit Ovationen gefeiert wurde. [Erschienen in: Kölnische Rundschau, 15. Juni 2009]



"Aus der Tiefe des Herzens"

Thomas Neuhoff führt Chöre in Philharmonie zusammen
Philharmonischer Chor Bonn und Bach-Verein ernten beim Konzert starken Beifall

[Christoph Zimmermann] - Es hat etwas Erhebendes, wenn von der Empore hinter dem Philharmoniepodium herab vielstimmiger Chorgesang ertönt. Thomas Neuhoff führte jetzt wieder einmal seine Chöre zusammen: den des Kölner Bach-Vereins und aus Bonn den Philharmonischen Chor sowie den Jugendchor der Lukaskirche.

Gleich ohne Umschweife: Frank Martins "In terra Pax" und Michael Tippetts "A Child of our Time" wurden künstlerisch hochrangig, emotional tiefschürfend interpretiert. Der überaus starke Beifall verwunderte also nicht. Ein kalendarischer Anlass für die Wahl der beiden Werke, deren Uraufführungen in den Jahren 1944 und 1945 wie ein Licht in der Finsternis des Krieges gewirkt haben müssen, ist nicht erkennbar. Appelle für Frieden und Menschlichkeit sind freilich nicht an Daten gebunden, und Bilder über Zerstörungen und Pogrome, wie sie das vorbildliche Programmheft lieferte, sollten ohnehin zur Erinnerungspflicht gehören. Musik kann dabei eine Stütze sein.

Michael Tippett wurde für seine Komposition angeregt durch das Verzweiflungsattentat eines 17-jährigen Juden (Rachereaktion der Nazis: die Reichskristallnacht), Frank Martin schrieb die seinige im Zuge der allgemeinen Erwartung des Kriegsendes. Der Textanfang gemahnt ans Franz Schmidts "Das Buch mit den sieben Siegeln", von Neuhoff vor einem Jahr in der Philharmonie aufgeführt, die Musik dringt in die Tiefe des Herzens, um es mit "Fidelio"-Worten auszudrücken.
Für beide Werke ist dem eifrigen Repertoirestöberer also nachdrücklich zu danken. Neuhoffs nächste Bonner Termine im Juli gelten Schumann/Wagner und Schumann/Goethe. Die Martin/Tippett-Interpretationen wirkten wie aus einem Guss, in jedem Moment spürte man Neuhoffs Werkverbundenheit und seine dirigiertechnische Überlegenheit. Bei den Chören blieb hinsichtlich Intonation, Tonfülle und vokaler Noblesse kein Wunsch offen.

Von den exzellenten Solisten Indra Thomas, Gerhild Romberger, Luca Martin, Thomas Laske und Klaus Mertens sei die erstgenannte farbige Sopranistin wegen ihres aufregenden Soprans hervorgehoben. Das Gürzenich-Orchester assistierte mustergültig. Schade, dass von diesem Konzert keine Aufnahme gemacht wurde. [Erschienen in: Bonner General-Anzeiger, 16.06.2009]



Erinnerung an Krieg und Verfolgung

An die dunkle Zeit vor über 60 Jahren erinnerte das Gemeinschaftskonzert von Bach-Verein Köln und Philharmonischer Chor Bonn unter ihrem Dirigenten Thomas Neuhoff, das mit Frank Martins "In terra pax" und Michael Tippetts "A Child of Our Time" zwei sehr anspruchsvolle und keineswegs leicht zu realisierende oratorische Werke vereinte, die das Kriegsthema auf unterschiedliche Weise thematisieren, und zwar unter Verzichte auf avantgardistische Mittel wie Atonalität oder Serialismus, die hier höchstens eine periphere Rolle spielen: Sowohl der Schweizer als auch der Brite waren sehr eigene, selbständige Naturen, die sich keiner "Strömung" verpflichtet fühlten, sondern sich von den jeweiligen Textvorlagen zu ausdrucksstarker Musik inspirieren ließen, die von den etwa 160 Sängern (im von Zuhörern freien Hinterbühnenrang postiert), und dem von Neuhoff zu farbenreichem Spiel animierten Gürzenich-Orchester in Aufführungen realisiert wurde, die unbedingt zu den besten Darbietungen von Chorwerken gehören, die man hier im Laufe der letzten Jahre erleben durfte.

Während das auf Bibel-Zitaten fußende Werk Martins durch seine lapidare Klangsprache überzeugt, der es aber durchaus nicht an Sinnlichkeit fehlt, berührt bei Tippett das Schicksal des jungen Herschel Grynspan, der aus Verzweiflung zum Mörder wurde und dessen moralischem Zwiespalt sich die Musik auf geniale Weise widmet. Durch die Verwendung von bekannten Spirituals schafft Tippett einerseits eine gewisse Annäherung an Populäres und zugleich die Thematisierung des zentralen Problems der Rassen-Diskriminierung auf höchst greifbare Weise. Mit einer Solisten-Riege allerersten Ranges (die auch schon bei Martin stimmlichen Hochgalnz verbreitet hatte) kam man den zum Teil enormen Anforderungen auch dieser Partitur bestens nach: Stellvertretend für alle sei hier nur die Sopranistin Indra Thomas genannt, deren voll und rund tönendes Organ mühelos über den beiden Chören schwebte, die sich dabei keineswegs zurücknehmen mussten. Fazit: Diese Chor-Matinee hat in der an Ereignissen ja ohnehin reichen Philharmonie wahrhaft Maßstäbe gesetzt." [Erschienen in: Köln-Bonner Musikkalender, September 2009, Nr. 240]




Tippett/Martin
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