PRESSE-ECHO
"Ein Chor, der wagt und souverän gewinnt"

Die Ensembles des Kölner Bach-Vereins gaben das Weihnachtsoratorium

[rü] - Für Menschen mit Platzangst war die Aufführung von Bachs Weihnachtsoratorium in der Kapitolskirche kaum die passende Veranstaltung. Bei der Bestuhlung hatte man der Auslastung schon sehr deutlich den Vorrang vor der Bequemlichkeit gegeben. Andererseits war natürlich jedes Stückchen Mantelstoff im vollbesetzten Auditorium hilfreich, die schwierige Akustik des Kirchenraums zumindest einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Für dieses Problem hatten Chor und Kammerorchester des Kölner Bach-Vereins freilich noch bessere, nämlich musikalische Leistungen gefunden. Dirigent Thomas Neuhoff hielt seine Chorsänger zu klarer und trennscharfer Artikulation an, die gleichwohl nirgends in schlichte Konsonantenspuckerei ausartete. Lebhafter Puls und federnde Rhythmik prägten die figurierten Chöre und Arien. Die äußerst zügigen Tempi erwiesen sich in der schier endlosen Altarie "Schlafe, mein Liebster" als segensreich, brachten aber gelegentlich (etwa im Chor "Ehre sei Gott in der Höhe") das Ensemble schon an seine Grenzen.

Ob die gemischte, nicht in Stimmgruppen gegliederte Choraufstellung der Klangentfaltung nutzte, wäre nur im direkten Vergleich zu entscheiden. Der Zuwachs an sängerischer Eigenverantwortung ist allemal ein Gewinn, zumal er den souveränen Choristen des Bach-Vereins offenbar problemlos zuzumuten war. Thomas Neuhoff hatte die Kantaten 1,2,5 und 6 ausgewählt, was für annähernd gerechte Aufgabenverteilung im Solistenteam sorgte. Das wurde von Tenor Andreas Post angeführt, der nicht nur ein lebendig erzählender und vorzüglich deklamierender Evangelist war, sondern auch in den Arien durch leicht fließende Linie, blühende Höhe und agile Koloraturen bestach. Als flexible und stilsichere Partner standen ihm Martina Schilling (Sopran), Ursula Eittinger (Alt) und Thilo Dahlmann (Bass) zur Seite. [erschienen in: Kölner Stadt-Anzeiger, 6. Dezember 2006]



"Ein Oratorium zum Jauchzen und Frohlocken"

Bach-Verein gab in St. Maria im Kapitol ein beeindruckendes Konzert

[H.D. Terschüren] - Wie das Weihnachtsoratorium am besten aufzuführen wäre, ist eine alte Frage, die Thomas Neuhoff mit dem Bach-Verein ähnlich Alexander löste, als der den Gordischen Knoten durchschlug. Alle sechs Kantaten sind eigentlich zuviel für einen Abend. Aufteilen macht das Publikum erfahrungsgemäß nicht gerne mit. Also hat Neuhoff in St. Maria im Kapitol neben den ersten beiden auch noch die beiden letzten Kantaten gespielt, was diesen zugleich etwas von dem Ruf nahm, zum Unbekanntesten bei Johann Sebastian Bach zu gehören.

Neben der üblichen mit den ersten drei war es eine gute Lösung. Ästhetisch sowieso, jede Kantate ist in sich abgeschlossen. So wurde es dann auch eine gute Aufführung, allein schon wegen des Raumes. Er dürfte hinter dem Lettner, wo Neuhoff das Publikum auf die drei Konchen verteilte, eine der besten Kirchenakustiken bieten - jedenfalls erlaubte die mittlere ein exzellentes Hörerlebnis. Der Klang verteilte sich ausgewogen, der Nachhall ging über das Wünschenswerte nicht hinaus. Dahinein war der 50-köpfige Chor perfekt gestellt vom Dirigenten und ging ein Idealverhältnis ein mit den jungen Solisten und dem Kammerorchester des Bach-Vereins. Es blieb stets gut durchhörbar, was da Bach jeweils zwischen den Eingangschören der Kantaten und den Schlusschorälen an Evangelium, Rezitativen, Arien, untergebracht hat.

Mit Andreas Post war ein kräftiger, gut klingender Tenor für den Evangelisten und die Tenorsoli aufgeboten. Die Anforderungen an den Evangelisten sind andere als die der großen Passionen, dem trug das Rechnung. Natürlich blieben die Alt-Arien erhalten, denen Ursula Eittinger warme Empfindung anvertraute - auf "Schlafe, mein Liebster" würde kein Publikum verzichten. Martina Schilling sang sehr einnehmend das Rezitativ "Du Falscher, suche nur" mit Arie. Bei Thilo Dahlmanns Bass söhnte die Stimme mitkleinen technischen Schwächen aus. Großer Beifall dankte. [Kölnische Rundschau, 5. Dezember 2006]




Bach "Weihnachtsoratorium" 2006