|
Notenpauken ist längst abgeschafft
Festkonzert in der Philharmonie [Olaf Weiden] - "Damit die unermesslichen geistigen und religiösen Werke, die Bach uns hinterlassen hat, erschlossen und weiten Kreisen zugänglich gemacht werden", so wurde 1931 die Kernaufgabe des damals gegründeten Kölner Bach-Vereins formuliert. Das liegt jetzt 75 Jahre zurück, und der sehr lebendige Chor feiert diesen Geburtstag mit Festkonzert (h-Moll-Messe am 7. Mai 11 Uhr, Philharmonie) und Festschrift. Letztere vollzieht die Geschichte dieses Vereins nach, in der Namne wie Kurt Thomas und Hermann Schroeder fallen, Dirigenten, Lehrer und Komponisten mit großer Nachwirkung. Und die Geschichte geht weiter: Thomas Neuhoff, Jahrgang 1957, bekleidet seit vier Jahren das Amt des künstlerischen Leiters. "Künstlerisch haben wir einen Umbruch erlebt", schwärmt er über die neuesten Entwicklungen. "Der Chor hat sich total verändert. Es ist ein ganz junges Ensemble aus 60 Stimmen entstanden, mit stark besetzten Männerstimmen, ein Ensemble auf dem Weg in eine semiprofessionelle Richtung." Das heißt, die Werke werden zuhaus vorbereitet, und in den Proben werden Ergebnisse zusammengetragen. Notenpauken in der Probe wurde völlig abgeschafft. "Auf einem so hohen Niveau macht das Musizieren natürlich noch mehr Spaß", meint Neuhoff. Zudem nimmt ein Großteil der Sänger nebenbei privat Gesangunterricht. Das schlägt sich radikal im Chorklang nieder. Neuhoff: "Ich habe das Gefühl, das wir uns sehr positiv reformiert haben!"
Symbolisch für diese Bewegung steht auch Martin Füg (39), seit zwei Jahren Vorsitzender: Er hat u.a. ein ganz neues optisches Erscheinungsbild des Bach-Vereins in die Öffentlichkeit gebracht. Das Layout der Programme und der Plakate wurde grundlegend modernisiert und professionalisiert. Füg: "In einer Stadt wie Köln mit einer solchen Chordichte müssen wir aktiv das Publikum stets neu gewinnen." Das gilt auch für das Ensemble. Rund 75% der Stimmen entstammen der Ära Neuhoff, Studenten und Berufsanfänger mit einer Vision: Wir können im Bachverein eine neue Renaissance erleben. Auch die Programmpolitik ist sehr wichtig. Neuhoff: "Hier bemühen wir uns um neue Hörerschichten, ganz aktuell in einem musikpädagogischen PRojekt mit Kindern als Sänger und Instrumentalisten bei einer Britten-Oper."
Und auch die Präsentation in den neuen Medien drängt. Seit vielen Jahren gibt es einen Internetauftritt, der unglaublich häufig besucht wird. Solistenbiografien, Kritiken, die Konzerte seit 1931 - die Seite ist hervorragend gepflegt und sprengt sogar noch den Rauhmen der schon sehr ausführlichen Festschrift. Diese ist gleichzeitig das Programmheft für das Festkonzert am Sonntag, ein Konzert auf höchstem Niveau. Neben Beethovens Missa Solemnis ist Bachs h-Moll-Messe wohl das sängerisch anspruchsvollste Werk. Womit wir wieder bei den Urzielen des Bach-Vereins angelangt wären. Neuhoff: "Die Musik Bachs ist natürlich von einer spirituellen Kraft, mit der sich Menschen auf einer Ebene ansprechen lassen, die es verbal nicht gibt. Da ist die Musik Gold wert!" [erschienen in: Kölnische Rundschau, 05.05.2006]
|
|