KONZERTE VOM 3./4.10.1984
"Ein Gottsucher wird gefeiert"

Bruckner-Zyklus begann in Leverkusen

[Horst Ziermann] - Leverkusen. Es genügt ja nicht, daß im Land Nordrhein-Westfalen ein Schostakowitsch-Festival veranstaltet wird. Die Kulturabteilung der Bayer AG und Städtisches Kulturamt in Leverkusen sind so ehrgeizig, daneben einen zweiten Komponisten zu feiern. Soeben begann im Forum Leverkusen ein Zyklus, der mit Anton Bruckner bekanntmachen will. Das Sekretariat für gemeinsame Kulturarbeit in Wuppertal wurde zur Zusammenarbeit gewonnen. Und so ist denn geplant, zur Auseinandersetzung nicht nur mit den Sinfonien des Gottsuchers von Sankt Florian, sondern auch mit seinen kirchen- und kammermusikalischen Werken anzuregen. Zentrum ist Leverkusen, doch es gibt auch Konzerte in fünf anderen Städten ...

Zur festlichen Eröffnung im Forum Leverkusen konzertierte der Chor des Kölner Bach-Vereins unter der Leitung seines Dirigenten Christian Collum. Begleitet von den Bochumer Symphonikern und mit den Solisten Elisabeth Jungblut (Sopran), Erika Schmidt-Valentin (Alt), dem theologisch vorgebildeten und wahrhaft beseelt singenden Tenor Adalbert Kraus und dem Bassisten Michael Schopper sang er Bruckners f-Moll-Messe. Ein Werk also, in welchem dem Chor die Hauptaufgabe zuhällt. Und dafür ist er nicht nur groß genug: Er ist gut gerüstet, so daß er die schwierigen Aufgaben - achtstimmiger Satz im Resurrexit des Credo, ständiger Wechsel zwischen mysteriöser Leise und mächtigem Fortissimo - zu bewältigen in der Lage ist. Pianissimo-Einsätze wie beim hohen g des Kyrie gelingen dem Sopran freilich nicht ganz, und die Neigung des Dirigenten, den guten Taktteil über Gebühr zu betonen, verwischt nicht selten die Auftakte. Das ändert allerdings wenig am Gesamteindruck dieser Aufführung, die am folgenden Abend im Kölner Gürzenich wiederholt wurde. Zuvor hatte der verkleinerte Chor die Kantate "Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!" (BWV 214) von Johann Sebastian Bach aufgeführt. Ein Werk zum 34. Geburtstag der sächsischen Kurfürstin Maria Josepha, von dem das Programmheft rechtens vermerkt, daß es den Anlaß kaum überlebt hätte. Interessant wurde es nur dadurch, daß man Arien, die man gemeinhin aus dem Weihnachtsoratorium kennt, über dem ursprünglichen Text hören konnte. Das läßt die Wahl dieses Werks allerdings ein wenig akademisch erscheinen. [erschienen in: Kölnische Rundschau, Leverkusener Ausgabe, 05.10.1984]



"Es bleibt die Hoffnung auf folgende Konzerte"

Anton Bruckner-Zyklus eröffnet

[Erich Krautmacher] - Eine immerwährende Aufgabe - so das Vorwort zum Programm - sei die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Werk Bruckners. Abgesehen davon, daß man das über viele, wenn nicht gar alle bedeutenden Komponisten schreiben kann, ist es doch verdienstvoll, daß Leverkusen 1984 und 1985 einen Anton-Bruckner-Zyklus präsentiert. Auch, wenn festzustellen bleibt, daß Bruckner hier in den letzten Jahren gewiß nicht "unterrepräsentiert" zu Gehör gekommen ist.

Die Eröffnungsveranstaltung im Forum brachte als erste Enttäuschung, daß wesentlich weniger Publikum die erwähnte künstlerische Auseinandersetzung mit dem Werk Bruckners sucht, als das Vorwort anzudeuten scheint. Das Konzert war nicht gut besucht, bowohl eines der repräsentativen Werke von Bruckners Schaffen auf dem Programm stand, die "Große Messe" in f-Moll. Das ganze wurde vorgetragen vom Chor des Kölner Bach-Vereins, den Bochumer Symphonikern und vier Solisten, die sich unter Leitung von Christian Collum mehr oder weniger gut zusammenfanden. Zu Beginn gab es noch etwas von Johann Sebastian Bach, nämlich die Huldigungskantate Nr. 214 "Tönet, ihr Pauken", von der Bach vier Nummern in seinem "Weihnachts-Oratorium" wiederverwendet hat.

Die Leistung des Chors stand in seltsamem Gegensatz zu dem, was man in Leverkusen zu erwarten hat, selbst wenn man nicht die "Highlights" der vergangenen Jahre - Rilling oder Marriner - als Maßstab nimmt. Wenn Collum - wieder aus dem Programm zitiert - seit seiner Berufung zum Leiter dieses Chors (1983) "neue Wege der Bach-Interpretation beschritten" hat, könnte das höchste in dem seit Harnoncourt modischen Staccato-Singen zu suchen sein, zu der die melodische Stimmführung der Sopran-Arie durch Elisabeth Jungblut einen erfreulichen Gegensatz bildete. Daß das Orchester klang, als wären dieser Aufführung keine Proben vorausgegangen, machte gespannt auf die Bruckner-Messe. Mit einer kurzen Ansprache eröffnete nach der Pause Kulturdezernent Dr. Schulze-Olden den Zyklus. Schon dieser festliche Rahmen läßt bedauern, daß das folgende Werk in seiner Interpretation dem Anspruch einer Eröffnungsveranstaltung nicht standhalten konnte, wenn auch der Chor ein wenig besser sang, und das Orchester ein wenig besser spielte als bei der Bach-Kantate. Wenn sich aber ein solch namhafter Chor nach dem f-Moll-Schluß des "Kyrie" das C für den Anfang des "Gloria" geben lassen muß, ist dies für seinen Leiter nicht gerade eine künstlerische Empfehlung. Auch nicht, daß in einer Bruckner-Messe das Fortissimo wie ein lauteres und Pianissimo wie ein leiseres Mezzoforte klingt.

Die Soloparts in der Messe geben wenig Entfaltungsmöglichkeit, lediglich der Tenorpart bietet im "Et incarnatus est" etwas mehr. Adalbert Kraus sang dies sehr schön, nur leider waren die begleitenden Holzbläser vom vorgeschriebenen Pianissimo ebenfalls um einiges entfernt. Die anderen Solisten, außer Elisabeth Jungblut noch die Altistin Erika Schmidt-Valentin und der Baß Michael Schopper, hatten in der Bach-Kantate dankbare Aufgaben. Beim Zyklus bleibt zunächst nur die Hoffnung auf folgende Konzerte. [Rheinische Post, 04.10.1984]



"Seltene Momente von Klangschönheit"

Eröffnungskonzert des Bruckner-Zyklus' geriet zum musikalischen Flop mit Pauken und Trompeten

[Ingeborg Schwenke-Runkel] - Erstaunen, Verärgerung, Ratlosigkeit - Stationen eines Konzerts, Gefühlsregungen während des Hörens. Wo beginnen? Schließlich geht es um das "Festliche Eröffnungskonzert" zum Anton Bruckner-Zyklus in Leverkusen in Nordrhein-Westfalen. Erstaunen: Voll war der große Forum-Saal nicht. Die Dreieinigkeit von Bayer-Kulturabteilung, Städtischem Kulturamt und Sekretariat für gemeinsame Kulturarbeit in Nordrhein-Westfalen lockte mit ihrem spektakulären Ring offensichtlich nur Kenner und Bruckner-Fans. Die breite Publikums-Basis der Abonnenten blieb fern. Das ist eine Sache. Die andere: Verwunderung über eine Bach-Interpretation, die dem Eröffnungskonzert die festliche Note geben sollte. "Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten" (Kantate Nr. 214 von Johann Sebastian Bach). Mit Pauken und Trompeten ging der festliche Anspruch unter. Zugegeben, über Stilfragen läßt sich trefflich streiten, letztlich entscheidet der musikalische Geschmack über Gefallen oder Ablehnung. Doch ob ein musikalischer Funke überspringt, ob überhaupt eine Botschaft von der Bühne in den Saal trifft, das ist kein persönlich-empfundener Eindruck mehr.

Bei Christian Collum (Musikalische Leitung) sprang außer ein paar spritzigen Konsonanten, die er dem Chor des Kölner Bach-Vereins zu entlocken wußte, wenig. Was er mit seiner spröden, in zierliches klein-klein-Format gesetzten Bach-Kantate wollte, läßt sich nur erahnen "Tönet ihr Pauken" ist die weltliche Fassung des ersten Teils des Weihnachtsoratoriums. Im damals gängigen Parodieverfahren übernahm Bach die Huldigungsgeste der Glückwunschkantate in den Jubel der Weihnachtsgeschichte.
Verärgerung: Wackelkontakte zwischen Chor und Orchester - die Bochumer Symphonier spielten -, falsche Intonation in den Chorstimmen, Einsätze, die nur verzögert kamen und hingeschluderte Instrumental-Soli machten das Hauptwerk des Abends, die Messe f-moll für Soli, Chor und Orchester von Anton Bruckner, zum sakralen Langweiler. Die Messe zerbröselte in unzusammenhängende Einzelabschnitte. Technische Unzulänglichkeiten machten eine interpretatorische Sicht nur in Ansätzen spürbar. Schöne Momente gab es , kurze Augenblicke, die Bruckners Mystik widerspiegelten ("qui tollis peccata mundi" im Gloria, der Beginn des "Sanctus" oder das ausklingende "Dona nobis pacem"). Diese Momente muß Kulturdezernent Dr. Wolfgang Schulze-Olden gemeint haben, als er in seiner Begrüßungsansprache von der Aufgabe der Konzertreihe sprach, "die Musik Anton Bruckners nachvollziehbar" zu machen.

Ratlosigkeit: Wo blieb Anton Bruckner, sein Ringen um Glaubenswahrheit, sein Flüstern, sein Stammeln, seine orchestrale Dramatik - da, wo die Erde beben müßte, im "Resurrexit" säuselte ein laues Lüftchen - seine innige Frömmigkeit? Das Mäntelchen des Wohlwollens reicht nicht, um alle Blößen zu bedecken. Das schmerzt umso mehr, als es sich bei den ausführenden Musikerinnen und Musikern um gern gehörte Gäste aus Köln und Bochum handelte. Das bedrückt doppelt, weil eine der beiden Solistinnen eine Leverkusener Sängerin ist: Elisabeth Jungblut (Sopran) war bemüht, durch technisches "Gewußt wie" stimmliche Indisposition zu überspielen: Erika Schmidt-Valentin (Alt) sang mit forschem Hau-ruck über Koloraturfinessen hinweg: Michael Schopper (Baß) wirkte durch eigene Vorstellungen von Tempo und Temperament Christian Collums Nicht-Interpretation entgegen und Adalbert Kraus (Tenor) versuchte in seinen kurzen Solo-Einwürfen ein wenig Glanz in das "Festliche Eröffnungskonzert" zu bringen. Das soll der viebejubelte Start zum zwei Jahre währenden Bruckner-Zyklus gewesen sein? Das kann er nicht gewesen sein. Das kann nicht sein [erschienen in: Kölner Stadt-Anzeiger, Leverkusener Ausgabe, 04.10.1984]




Konzert-Chronik II
Konzert vom 11.12.1985