KONZERT VOM 17.03.1971
"Johannes ist dramatischer"

Bach-Verein: Gegenakzent zu Matthäus-Passion

[Norbert Stich] – Im dritten Chorkonzert des Winters brachte der Kölner Bach-Verein unter seinem Dirigenten Wolfgang Gönnenwein zusammen mit dem Collegium aureum die Johannes-Passion von Joh. Seb. Bach. Man setzte damit einen Gegenakzent zu den wenigsten fünf Aufführungen der Matthäus-Passion in diesem Jahr. Damit stellen sich die Veranstaltungen deutlich außerhalb des sich immer wieder selbst bestätigenden Betriebes der Passionsmusiken, denn es ist wirklich von Interesse, diese ältere der beiden großen Passionen Bachs zu hören. Sie trägt in vieler Beziehung archaischere Züge, das epische und dramatische Element dominiert gegenüber dem Lyrischen, d.h. die Rezitative, Turbachöre bestimmen das musikalische Geschehen stärker als die Arien, wie in der Matthäus-Passion.

Von diesem Geiste wurde auch die Aufführung des Bach-Vereins getragen. Der zündende Funke entsprang inbesondere den Turbachören ("Nicht diesen, sondern Barrabas"). Sie schienen bis ins kleinste Detail ausgefeilt und büßten dennoch nichts von ihrer Spontanität ein. Dasselbe ist übrigens auch von den Chorälen zu berichten. Von schier unvergeßlicher Wirkung war die Steigerung bis ins Hymnische beim Schlußchoral "Ach Herr, laß Dein lieb' Engelein…" Unterschiedliches Niveau zeigten die Solisten. Für die erkrankte Julia Hamari hatte man Ria Bollen engagiert, eine Altistin mit einem klaren, flexiblen Timbre. Elisabeth Speisers heller und klarer Sopran zeigte dagegen gelegentliche Härten. Theo Altmeyer ist als vorzüglicher Evangelist schon bewährt, Michael Schopper zeigte sich in den Rollenrezitativen stärker als in den Baßarien, Siegmund Nimsgern wirkte mit den Christusworten durchweg schwerfällig, möglicherweise nicht gut diesponiert. Das Engagement des Collegium aureum erweist sich immer wieder als guter Griff, sowohl in Bezug auf den orchestralen Gesamtklang, als auch in der Besetzung der obligaten Solopartien. [erschienen in: NRZ, 24.03.1971]



"Das künstlerische Wagnis mit Bach ist gelungen"

Johannes-Passion unter Gönnenwein

[Hans-Elmar Bach] – Mit der Johannes-Passion seines Namenspatrons eröffnete der Bach-Verein den Reigen der großen diesjährigen Passions-Aufführungen im Gürzenich. Im Collegium aureum besitzt der Chor ein hochspezialisiertes Instrumentarium für eine solide Arbeit auf dem Gebiet der Barockmusik. Mit diesem Ensemble konnte Wolfgang Gönnenwein es wagen, das Werk auf der Mitte zwischen einer modernen, durch und durch vom Glanz des philharmonischen Oratoriengedankens und einer puristischen, absolut originalgetreuen Aufführungspraxis anzusiedeln. Dieser vor allem in großen Konzertsälen vertretbare Kompromiß kann zu einem werkangemessenen Eindruck führen, wenn sich alle Beteiligten auf dieser stilistischen Linie zusammenfinden. Gönnenwein stellte die Doppelfunktion des Chores als Stimme des aufgebrachten Volks und als "mitleidend" gegeneinander. Hier wurden die Turba-Chöre dramatisch akzentuiert, dort die Choräle expressiv, aber ohne Sentimentalität zügig und metrisch genau deklamiert.

In den Turba-Chören wären allerdings einige Eigenwilligkeiten zu diskutieren wie zum Beispiel die Betonungen in „Sei gegrüßet“ und deren schematische Übernahme in der Parallelstelle "Schreibe nicht". Doch solche Details können nicht ausschlaggebend sein für die gesamte Beurteilung der Chorinterpretation. Das Collegium aureum setzte, abgesehen von einigen typischen Barockinstrumenten, ein modernes Instrumentarium ein, das dem Volumen und der Strahlkraft des Chors entsprach. Die Präzision und exakt ausgespielte Artikulation des Ensembles fand in den zahlreichen Solopartien, die mit erstklassigen Musikern besetzt waren, besondere Höhepunkte. Die Vokalsolisten brachten mit dem beherrscht und eindringlich gestaltenden Evangelisten Theo Altmeyer an der Spitze spürbare innere Dynamik in die rezitativischen Dialogpartien. Vor allem Siegmund Nimsgern, der den Christusworten eine Spur zuviel Operngestik beimengte, war hier mit seinem profilierten Baß treibende Kraft. Ria Bollen sang ihre Altarien eher schlicht und partiturgetreu als mit Verinnerlichung, die sie von ihrer überragenden Kollegin Elisabeth Speiser (Sopran) hätten ablauschen können. Baßarien und die Rollen der Bösewichter waren Michael Schopper anvertraut, der sich vor allem im zweiten Teil der Passion zu entwickeln vermochte. [erschienen in: Kölnische Rundschau, 23.03.1971]



"Packende Chöre"

Das Collegium aureum unter Gönnenwein spielte im Gürzenich Bachs "Johannes-Passion"

[Werner Bruck] – Bachs Johannes-Passion ist ein Werk, dessen Aufführung mit der Qualität des Evangelisten und der Turba-Chöre steht und fällt. Im dritten Chorkonzert des Bach-Vereins war Theo Altmeyer ein nahezu idealer Evangelist. Seine Rezitative spürten der Dramatik des Textes sensibel nach, auch im Parlando blieb er expressiv, auch bei "und weinete bitterlich" vermied er Sentimentalität. Die Anstrengungen der Riesenpartie waren ihm allenfalls an einigen gebrochenen Spitztönen anzumerken. Seine Arie wirkte jedoch etwas hektisch was daran gelegen haben mag, daß der Rhythmus im Orchesterpart dieses Stückes nicht voll geklärt schien.

Den packenden Turba-Chören kam an diesem Abend besonders auffällige helle Stimmcharakteristik des Bach-Vereins-Chores entgegen. Wolfgang Gönnenwein, der Dirigent, sorgte hier für ausgewogene Dynamik und straffe Tempi. Der böse Spottchor geriet zu einem Höhepunkt, die Fugen hatten Transparenz. Von lieblicher Einfachheit die Choräle. Hätte Gönnenwein es sich nur versagt, den Schlußchoral so krampfhaft zu zerdehnen und zu einem Finale grandioso emporzusteigen!

Das Collegium aureum überzeugte vor allem in den meisterhaft gebotenen Bläserparts. Ein Sonderlob für Wieland Kuijken, der auf seiner Gambe mit silbrigem Ton die Einsamkeit des "Es ist vollbracht" nachdrücklich charakterisierte. Cembalo- und Orgelpart waren bei Herbert Voss und Klaus Germann in guten Händen. Unterschiedliches boten die übrigen Gesangssolisten: Hier überragte Elisabeth Speiser. Ihr schlanker, klarer und kerniger Sopran blieb den beiden Arien nichts schuldig. Sogar ihre gestochenen Triller atmeten Wehmut. Statt der erkrankten Julia Hamari hatte Rita Bollen die Altpartie übernommen. Ihre Leistung blieb recht blaß zumal man auf volltönende Resonanz verzichten mußte. Sigmund Nimsgern sang die Christusworte machtvoll, wenngleich auch ein wenig forciert. Einen guten Eindruck hinterließ der Bassist Michael Schopper: Erst einmal freigesungen, überzeugte er durch angenehm timbrierte Koloraturen. [erschienen in: Kölner Stadt-Anzeiger, 20./21.03.1971]




Konzerte vom 08./09.12.1970
Konzert vom 14.11.1971