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Zwei Aufführungen des Bach-Vereins in St. Bruno
[E.] – Die Johannes-Passion von Bach erfreut sich nicht der einzigartigen Volkstümlichkeit wie die Matthäuspassion. Daß die eine im Schatten der andern steht, hat historische und aufführungstechnische Gründe. Als Mendelssohn die Matthäuspassion genau hundert Jahre nach ihrer Aufführung wieder zum Leben erweckte, stand ihm die Berlinger Singakademie mit ihren vierhundert aktiven Mitgliedern zur Verfügung. Die monumentale Form dieser Aufführung ist seitdem zur monumentalen Norm geworden. Demgegenüber gilt die Johannespassion von jeher als das intimere Werk, obwohl eine solche Unterscheidung nicht im Gesichtskreis Bachs lag. Kammermusikalisches und Sinfonisches sind erst in einer späteren Zeit aufführungspraktische Größenordnungen geworden. Der Johannespassion ist diese intimere Praxis, die sich merkwürdigerweise bi heute gehalten hat, durchaus zugute gekommen. Daß die Aufführungen in Köln schon zur Tradition geworden sind, ist allein dem Kölner Bach-Verein zu danken, der das Werk besonders nach dem Krieg, wenn nicht alljährlich, so doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit zur Passionszeit dargeboten hat. So auch jetzt wieder in einer zweimaligen Aufführung in der Klettenberger Kirche St. Bruno. Die Johannes-Passion – so ist die übliche Schreibweise, nicht Johannispassion, wie der Zettel vermerkte – hat nicht den großartigen doppelchörigen Aufbau wie die Matthäuspassion. Sie hat nicht deren epische Breite, sondern ist strenger und knapper gefaßt, voll dramatischer Triebkraft in den düsteren, erregenden Volks- und Priesterchören, schon im Eingangschor von einer schneidenden Realistik der Darstellung. Selbst im Lyrischen tritt das Pietistische zurück.
Hermann Schroeders Bach-Interpretation bedaruf neuen Rühmens nicht, sie ist klar und eindringlich, stilistisch immer verläßlich und bei aller sachkundigen Objektivität durchaus dem Bachschen Ausdruck, dem innerlich belebten Affetuoso zugewandt. Der klangschöne, disziplinierte Chor des Bach-Vereins bewältigte die polyphonen Chöre mit überlegenem Können. Mustergültig war die Stakkato-Leichtigkeit der madrigalisch getönten Chöre. Vorbildlich auch die Choräle, die als Volks- und Gemeinechoräle keiner ausdeutenden Nuancierung bedürfen. Sie erklangen schlicht, aber auch mit der tragenden Festigkeit des Klangs, die ihnen angemessen ist. Der Würde der Aufführung entsprach die solistische Besetzung. Die anspruchsvolle Evangelistenpartie sang Helmut Kretschmar mit feinem, biegsamen Tenor, ein im beweglichen Rezitativ wirklich deklamierender Sänger, der das aus dem Matthäus-Evangelium dem Text eingefügte „Weinen des Petrus“ mit einer beispielhaft verinnerlichten Ausdruckskraft gestaltete. Über vermutbare gelegentliche Intonationsschwankungen läßt die Kirchenraum-Akustik kein sicheres Urteil zu. Wie schon in früheren Aufführungen sang Horst Günter die Christusworte mit würdevollem Ausdruck. Kraftvoll gestaltete Franz Kelch die Baßpartie. Die beiden stilsicheren, mit schöner Natürlichkeit singenden Frauenstimmen von Christiane Mlynarcik (Sopran) und Margit Kobeck (Alt) umrahmten mit ihren Arien das zentrale Passionsbild wie die Seitenflügel eines Altars.
Zum künstlerischen Gelingen trug unter Schroeders Leitung nicht zuletzt das sorgfältig musizierende Kölner Bach-Orchester bei, darunter die Solisten Karlheinz Ulrich (Flöte), Helmuth Hucke (Oboe), Walter Vogt (Englisch Horn), Emil Schamberger (Fagott), Hans Plümacher (Cello und Gambe) und Paul Brauer (Kontrabaß). Sehr dezent und stilsischer diesmal auch Josef Zimmermann an der Orgel. [erschienen in: Kölner Rundschau, 28.03.1958]
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Konzert des Kölner Bach-Vereins
[ ky] - Statt - wie zuerst verlautet - nach St. Aposteln, sah sich Professor Hermann Schroeder genötigt, das zweite Chorkonzert des Bach-Vereins mit der Bachschen Passion nach dem Evangelisten Johannes nach St. Bruno in Klettenberg zu legen. Jedenfalls war es zu begrüßen, daß Schroeder auf alle Fälle daran festhielt, die Passion in einer geistlichen und nicht weltlichen Umgebung aufzuführen. Vielleicht trug das mit dazu bei, daß die Passion so unmittelbar und ergreifend wirkte. Denn die Aufführung war durchlebt, und für die realistische Gegenständlichkeit, die vor allem die Turba-Chöre besitzen, fand der Chor eine hervorragend plastische und doch lockere Form der Interpretation. Die präzis einschlagenden Streicher- und Holzbläserfiguren taten ein übriges, die Turbae-Situationen zu beleuchten. Überhaupt war das Orchester in allem zur Stelle und zeichnete jeden Gemütsstil sofort nach. Da auch die ergreifende Beschaulichkeit der Choräle den richtigen Ton fand, war der Rahmen für die von Helmut Kretschmar großartig gestaltete Evangelistenpartie überzeugend gefertigt. Kretschmars Verwandlungsfähigkeit, mit der er sich jeder rezitativischen Stimmungsschwankung hingab, blieb der Partie nichts schuldig. Jeder wesenhafte Ausdrucksgehalt im Chor wurde von ihm als geistiges Crescendo vorbereitet oder ausschwingend zum beruhigten Ende gebracht. Dramatik und Lyrik, Entsetzen und Flehen, Schauder vor der Größe des Verbrechens und Hoffen auf die Erlösung: Alles lebte in dieser Interpretation. Horst Günter und Franz Kelch, die beiden Bassisten, sangen kultiviert und edel. Margit Kobecks Alt, weiträumig und beseelt wie der Tenor Kretschmars, und Christiane Mlynarcyks tragender Sopran rundeten das Ensemble ab. Schroeder hielt wie immer auf straffes Tempo. An der Orgel: Josef Zimmermann. [erschienen in: Kölner Stadt-Anzeiger, 01.04.1958]
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Johannes-Passion des Bach-Vereins in St. Bruno - Gute Tradition wird bewahrt
[RK] - Es ist im Laufe der Jahre zu einer schönen Tradition geworden, daß der stilkundige Kölner Bach-Verein den großen Aufführungen der Matthäus-Passion seine eigene Interpretation der "kleineren" Johannes-Passion gegenüberstellt. Das an musikalischen Schönheiten so reiche, im Gegensatz zur reifen, ausgewogenen Matthäus-Passion fast jugendlich-genialische Werk gewinnt dabei im liturgischen Raum der stregen, schlichten Bruno-Kirche so stark an innerem Ausdruck, an religiöser Weihe, daß es den Vergleich mit dem berühmteren Schwesterwerk in jeder Beziehung aushalten kann. So waren auch jetzt die beiden Abende des Bach-Vereins wieder Höhepunkte des kirchenmusikalischen Lebens unserer Stadt. Grundpfeiler dieser würdigen, tief berührenden Aufführungen waren auch diesmal der unvergleichlich gut geschulte, in allen Stimmen trefflich ausgeglichene und klangschöne Chor und das kleine, technische überlegene Orchester des Bach-Vereins. Schon der Eingangschor ist ein Prüfstein für den Geist eines solchen Abends: Da war kein starres Taktieren, alles blieb in schönstem Fluß, ohne verschwommen zu wirken, alles war mit innerster Anteilnahme gestaltet, ohne daß auch nur ein einziges Mal die Gefahr einer falschen Romantisierung heraubeschworen worden wäre.
Hermann Schroeder ist der vortreffliche Mentor solchen Musizierens, ein Dirigent, der höchste Objektivität der Darstellung mit der Forderung nach intensivem Ausdruck zu verbinden weiß. Er läßft, wo es wünschenswert ist, Chor und Orchester in schönster Farbe erblühen, gibt die Turbae mit äußerster Vehemenz und Präzision und gebietet bei den Volkschorälen größte Schlichtheit und Zurückhaltung. Eine Darstellung, die unserem heutigen Empfinden nach ganz dem Geiste des Thomaskantors entspricht und sich glücklich von der romantischen Tradition des vergangenen Jahrhunderts abhebt. Dem Orchester standen dabei ausgezeichnete Solisten zur Verfügung: Karlheinz Ulrich (Flöte), Helmuth Hucke (Oboe), Walter Vogt (Englisch Hrn), Emil Schamberger (Fagott), Hans Plümacher (Cello und Gambe) und Paul Breuer (Kontrabaß). Dazu an der Orgel Josef Zimmermann, der seine begleiterischen Aufgaben diesmal mit aller Behutsamkeit und Schmiegsamkeit löste. Leider ließ diesmal die Qualität des Solistenquintetts durchweg zu wünschen übrig. Helmut Kretschmar als Evangelist traf zwar ausgezeichnet den glühenden dramatischen Ton, der diese Partie von der Matthäus-Passion abhebt, ließ es jedoch an Klarheit und Ebenmäßigkeit des Stimmklangs und auch an Deutlichkeit der Deklamation fehlen. Der noch im Vorjahr (in der Matthäus-Passion des Philharmonischen Chores) so würdig-schlichte Horst Günther sang die Christusworte diesmal mit einem störenden Schuß Hamburgischen Staatsopernpathos, ein Umstand, der offenbar auch Franz Kelch in den übrigen Baßpartien dazu verleitete, es ihm gleichzutun. Die Altistin Margit Kobeck deckte ihre an sich bedeutende Stimme um einige Grade zu dunkel ab, was ebenso wie bei Helmut Kretschmar zu sprachlichen Undeutlichkeiten führte, und Christiane Mlynarcyk endlich erschien uns in den beiden Sopran-Arien um einiges zu herb und metallisch für diese Aufgaben. Dies waren jedoch nur kleine, das Ganze kaum betreffende Schönheitsfehler in einer Aufführung, für deren hohe Geistigkeit und Kraft man dem Bach-Verein und seinem Dirigenten Hermann Schroeder nicht dankbar genug sein kann. [erschienen in: NRZ, 01.04.1958]
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Konzert vom 24.05.1957 Konzert vom 28.03.1958
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