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Fesselnde Ausgrabungen im zweiten Chorkonzert des Kölner Bach-Vereins
[Clemens Reuter] - Beim zweiten Chorkonzert des Kölner Bach-Vereins standen die Komponistennamen Purcell, De Lalande und Gilles auf dem Programm. Von Purcell abgesehen, sind dies für uns unbekannte Größen der Barockzeit, von denen selbst spezielle Nachschlagewerke wenig vermelden. Desto mehr Anerkennung verdient es, daß der Bach-Verein sich für Purcells "Te Deum", für die Kölner Erstaufführung von De Lalandes Psalm 111 "Beatus vir qui timet Dominum" und gar für die deutsche Premiere (270 Jahre nach der Niederschrift) des "Requiem" von Gilles einsetzte.
Daß die künstlerische Potenz, die der Bach-Verein Köln unter der Leitung von Kurt Thomas errungen hat, nun allmählich auch der breiteren Öffentlichkeit zum Bewußtsein kommt, war aus dem Besuch dieses Chorkonzerts abzulesen. Trotz der unbekannten Namen hatten so viele Hörer auf Ansehen und Leistungsfähigkeit des Bach-Vereins vertraut, daß die weite Brunokirche in Klettenberg erstaunlich gut besetzt war. Allen drei Werken ist die unmittelbar liturgische Bestimmung unverkennbar aufgeprägt: Sie zerfallen nicht in Einzelnummern, die den einzelnen Mitwirkenden glanzvolle Entfaltung gestatten, sondern bleiben zur Einheit verbunden, deren Träger der Chor ist. Mehr oder weniger eng verzahnen sich Chor- und Solostellen mteinander und zeigen das Bild des konzertierenden Stils im ursprünglichen Sinne, der sich noch auf das lateinische "conserere = zusammenfügen" bezieht. Freilich konnte sich der exklusive höfische Gottesdienst des barocken London oder Paris jeglichen Aufwand leisten, und so sind in die strenge Haltung liturgischen Dienstes die "modernsten" und prächtigsten Errungenschaften des französischen und italienischen Musikbarocks eingebunden.
Auf erstaunliche Weise wußte Kurt Thomas mit dem Chor des Bach-Vereins und dem Kölner Bach-Orchester dieses doppelte Erscheinungsbild der Gebundenheit und der Prachtentfaltung erlebbar zu machen. Schon beim "Te Deum" stellte sich, unterstützt vom sakralen Aufführungsort, die Vorstellung eines königlichen Dankgottesdienstes anläßlich eines Geburtstages, einer Krönung oder eines Friedensschlusses ein. Glanzvoller als dieses Glied ununterbrochener Chortradition gab sich der Psalm von De Lalande; den exakten Ausdruck und den hellen Klang des barocken französischen Nationalstils durchsetzt der Komponist mit Solostellen und Koloraturen in italienischer Manier und erreichte damit die musikalische Fülle der "Messe basse", jener für Paris heute noch typischen Gottesdienstform einer still gelesenen Messe mit überreicher Musikausstattung. Diese Meßform war aber die liturgische Errungenschaft der Zeit Ludwigs XIV., dem De Lalande als Hofmusik-Intendant diente.
Im"Requiem" endlich suchte man Todesangst und Weltgericht vergebens, Gilles komponierte es für sein eigenes Begräbnis und hielt sich dabei an die alte urchristliche Totenliturgie voll freudiger Jenseitszuversicht; auf die schreckensvollen Sätze "Dies irae" und "Libera" verzichtete er. Das seinerzeit berühmte Werk erklang später auch zum Begräbnis von Ludwig XV. und von Rameau. Im Hintergrund des klaren und reinen Chorgesangs und des überraschend wohllautenden Orchesters hoben sich mit gehöriger Pracht die Solostimmen ab, denen hier entscheidend steigernde und zugleich ungewohnt dicht mit dem Ganzen verflochtene Aufgaben zugefallen waren. Dem frohen Leuchten des Soprans von Nelly van der Spek, der warmen Melodieflut des Alts von Maureen Lehane, den hellglänzenden, weitgespannten Linien der Tenöre Wilfred Brown und Gerald English und dem nachdrücklich ausdeklamierten Fundament des Bassisten Friedhelm Hessenbruch war Entscheidendes vom tiefen Eindruck des Konzerts und vor allem die nachhaltige Tröstung des "Requiems" zu verdanken. [erschienen in: Kölnische Rundschau, 16.02.1965]
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Französische Barockmusik
[Heinrich von Lüttwitz] - Kurt Thomas, Leipzigs vormaliger Thomaskantor, ist während der ersten Winterhälfte viel in den Niederlanden gewesen. Er hat Barockchöre in Konzerten und Rundfunkproduktionen dirigiert. Nächsten Sommer wird das Holland-Festival sein internationales Publikum mit der Kunst des Chorkomponisten vertraut machen. Dreimal leitete er inzwischen die Chorkonzerte 1964/1965 beim Bachverein Köln. Die Kammerorchester-Abende des Vereins übernahm Carl Gorvin, Chefdirigent in Kaiserslautern, auch er ein Spezialist in alter Musik.
Das Februar-Programm war gewissermaßen der erste Spatenstich an einer bemerkenswerten musikalischen Fundgrube. Zum erstenmal in Deutschland hörte man das "Requiem" des französischen Barockkomponisten Jean Gilles (1669-1705) mit Soli, Chor und Orchester. Die Psalm-Motette "Beatus Vir" von Michel-Richard de Lalande (1657-1726) und das "Tedeum" des gleichaltrigen Engländers Henry Purcell gingen in ähnlicher Besetzung vorauf. Hierzulande weiß man wenig oder nichts von der schnittigen, kurz angebundenen Art, in der die Franzosen damals komponiert haben. Lully, der Musikpapst Ludwigs XIV., wirkt mächtig nach. Überall greifen die tönenden Linien und Flächen wie Einlegearbeit ineinander, statt sich dreidimensional mit Arien und Chorfugen in den Sakralbauten auszubreiten wie bei den Italienern und Deutschen.
Der Hörer wird sich von dem auserlesenen Geschmack und dem königlichen, repräsentativen Gebaren dieser Tonsätze eine Weile lang faszinieren lassen, bevor er überhaupt wahrnimmt, was alles an Tiefenperspektive, Mystik, Transzendenz hinter der Oberfläche zum Vorschein kommt. Wunderbar bemessen, modelliert, stattiert und nach Klanggewichten gewordnet trat es unter Kurt Thomas' Hand in den Stimmen des Bachvereins-Chors und -Orchesters hervor. Die mitwirkenden Solisten hatten gutes Niveau. Nelly van der Spek aus Holland, Maureen Lehane aus Irland, die Tenöre Wilfred Brown und Gerald English vom britischen Deller Consort und der deutsche Bassist Friedhelm Hessenbruch.
Trotz Prinzenproklamation am selben Abend war die große Sankt-Bruno-Kirche ausgezeichnet besucht. [erschienen in: Die Welt, 16.02.1965]
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Erstaufführungen im Chorkonzert des Bach-Vereins
[S-r] - Im zweiten Chorkonzert des Bach-Vereins gab es zwei Überraschungen: eine Kölner Erstaufführung und eine deutsche Uraufführung. Der Verein hatte ein um 1696 entstandenes Requiem des bei uns kaum bekannten französischen Barockmeisters Jean Gilles ausgegraben, und Professor Kurt Thomas hatte es mit seinem Chor glänzend einstudiert. Das Werk, in dem sich hoes Pathos, Glanz und Inbrunst verbinden, hat Händelschen Zuschnitt. Alles ist großflächig dimensioniert, für spielerische Übersteigerungen bleibt kein Platz. Die Zeit scheint stillzustehen bei den gewaltigen Bögen, die in beinahe unendlichen Sequenzierungen über den Text gespannt werden, im ständigen eigenartigen Wechsel von Soli und Chören. Man meint, in einem der Vieltausend-Seiten-Romane des Barocks zu blättern. Die Wiedererweckung war eine Kunsttat des Bach-Vereins, das Werk verdient einen ständigen Platz im Repertoire!
Der Chor hatte Spannkraft, Intensität und im Tutti breite Klangfülle. Die Kirchenraum-Akustik - das Konzert fand in St. Bruno statt - unterstützte rechtens den einfachen, großkonturierten Zuschnitt der Musik. Die Solisten (N. van der Spek, Sopran, M. Lehane, Alt, W. Brown, Tenor, G. English, Tenor, F. Hessenbruch, Baß) hatten - mit Ausnahme des Basses - nicht immer den mächtigen Stimmbereich zur Verfügung, der für solch monumentale Werke erforderlich ist. Statt den Raum zu füllen, gab man mehr Obacht, mikrophongerecht zu singen. Das galt leider noch mehr für Purcells Te Deum und die zweite Erstaufführung, Michel-Richard De Lalandes Motette "Beatus vir". So wurde man also vor allem auf den Chor verwiesen, dem - zumal bei Purcell und Gilles - allerdings auch kompositorisch die überlegene Rolle zufiel. Im Verein mit der immer zuverlässigen Orgel (G. Schneider) und dem sauberen Orchester (Kölner Bach-Orchester) blieb der Eindruck eines höhenreichen, erlesenen Abends. [erschienen in: Kölner Stadtanzeiger, 18.02.1965]
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[N.S.] - Der Bach-Verein huldigte in seinem zweiten Chorkonzert der Vorliebe für musikalische Antiquitäten. Auf dem Programm standen Werke des englischen und französischen Barock: "Te Deum" von Henry Purcell, die Motette "Beatus vir" von Michel-Richard De Lalande und ein Requiem von Jean Gilles.
Manchmal gibt es bei solchen Veranstaltungen herrliche Entdeckungen, diesmal aber wünschte wohl mancher nach zwei Stunden feierlicher Inhaltslosigkeit, die Musik sei besser in den Verliesen musikhistorischer Archive geblieben. Emphatische Banalitäten von dem Umfang stellen nichts mehr als eine Zumutung für einen Musikhörer mit mittleren Ansprüchen dar. Auch die hallige Akustik der Bruno-Kirche, die unter Umständen die verwitterte Substanz ein wenig aufpolieren kann, vermochte nichts auszurichten, ebenso wenig wie das geschmackvoll zusammengestellte Solistenensemble (Nelly van der Speek, Sopran; Maureen Lehane, Alt; Wilfred Brown und GErlad English, Tenor; Friedhelm Hessenbruch, Baß).
Der Chor des Bach-Vereins unter der Leitung von Kurt Thomas, zeigte erstaunlichen Klangsinn, doch all das machte das Unternehmen nur wenig erträglicher. [erschienen in: Neue Rhein-Zeitung, 20.02.1965]
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Konzerte Dezember 1964 Konzerte vom 30./31.03.1965
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