KONZERT VOM MÄRZ 1967
"Ergreifende Chöre in Bachs Passion"

Konzert des Philharmonischen Chors und des Bach-Vereins

Auf äußerliche Effekte verzichtet
[Sigurd Schimpf] - ... Nach dem Philharmonischen Chor führte in dieser Woche nun auch der Bach-Verein unter der Leitung von Kurt Thomas die Matthäus-Passion im Gürzenich auf. Kurt Thomas hat diese Passionsmusik als geistliche Musik verstanden und interpretiert. Er legte Wert auf Verinnerlichung und Transparenz und verzichtete darum auf alle äußerlichen Effekte und auf laute Töne. Diesem Konzept haben sich alle Partner, Chor, Orchester und Solisten, untergeordnet, so daß eine ganz ausgewogene, klare und stilreine Aufführung zustande kam, demütig vor dem geschilderten Leiden Christi und dem Genius Bachs, aber nicht unterwürfig, innig und feierlich, aber niemals schleppend.

Waren die Chöre bei der Aufführung des Philharmonischen Chores eindrucksvoll, so waren sie hier ergreifend. Das Orchester hatte in dieser Konzeption von Kurt Thomas eine musikalisch gleichwertige Aufgabe wie Chor und Solisten, und es erwies sich durch seine Anteilnahme am musikalischen Geschehen dankbar. Die Gesangssolisten waren stilistisch und stimmlich sorgfältig aufeinander abgestimmt, obwohl auch hier die Christuspartie in Friedhelm Hessenbruch einen Interpreten hatte, dessen Stimme dunkel gefärbt war, doch war sie der Partie entsprechend edel in Timbre und Diktion. Und auch hir hatte der Bassist, Karlheinz Müller, eine helle Stimme; ihr lagen weniger die expressiven Partien, sie entfaltete sich in Ariosi und Arien. Theo Altmeyer hatte zu Beginn etwas Mühe mit den ernormen Höhen in den Rezitativen des Evangelisten, später wurde seine Stimme weich und geschmeidig. Er trug die Rezitative fast arios vor und vermied, damit sich dem Stil der Aufführung einfügend, große Kraftentfaltung, ohne deswegen Ausdruck vermissen zu lassen.

Ingeborg Reichelt und Maureen Lehane sangen die Sopran- und Altpartien. Maureen Lehanes Alt liegt eigentlich in der Mezzosopranlage, ihre Stimme ist nicht voluminös, aber sie hat, was gerade bei Oratoriensängerinnen unschätzbar ist, Wärme, Intensität und Stilgefühl. Das gilt in noch größerem Maße für Ingeborg Reichelt, deren Stimme, gläsern und zart, im Piano eine ungewöhnliche Spannung hat, aber wie Glas zerbricht, wenn sie in Höhen oder ins Forte aufsteigt. Die Arie "Aus Liebe will mein Heiland sterben" hat man selten so innig gehört. [erschienen in: Neue Rhein-Zeitung, 17.03.1967]



"Evangelist ohne Tadel"

Die Bach-Passion unter Kurt Thomas

[sr] - Mindestens achtmal kann man innerhalb weniger Wochen in Köln Bachs Matthäus-Passion hören. Der Tradition zuliebe vergißt man, welche großartigen Passionswerke Scarlatti, Selle, Funcke, Schütz, Kühnhausen, Gabrieli, Telemann und Reger geschrieben haben. Stern der Aufführung durch den Bach-Verein im Gürzenich war der Evangelist Theo Altmeyer, ein heller, lyrischer Tenor, der sich mit seiner Gestaltung in die allererste Reihe der Interpreten dieser Partie stellen darf. I. Reichelt, Sopran, gab ihren Partien beseelten und reich differenzierten Ausdruck. Dem Mangel an guten Altistinnen vermag auch M. Lehane nicht abzuhelfen, die mit ihrer Schwelldynamik des Einzeltons Bach stilistisch verfehlte. F. Hessenbruch war ein würdiger, groß gestaltender Christus, ein Baß mit mächtigem Klangvolumen, K. Müller gab die kleineren Baß-Partien angemessen wieder.

Das Kölner Bach-Orchester spielte wie gewohnt sicher und kultiviert. Der Chor des Bach-Vereins wurde in seinem Durchhaltevermögen drei Stunden lang auf eine harte Probe gestellt, doch seine Qualitäten sind überzeugend. Die an Zahl zu geringen Männerstimmen wiegen voll durch die Intensität jeder Einzelstimme. Ob die Gemeindechoräle der Passion so individuell ausgeführt werden sollen, wie es hier geschah, bliebe zu fragen.

Kurt Thomas gab der Aufführung mit einem Minimum an Zeichengebung den großen gestalterischen Zug. Ein Lob für den pausenlosen Zusammenhang der Darbietung, durch den das Werk als "theatrum dei" erschien. Ferner wirkte mit der Knabenchor des Humboldt-Gymnasiums (Einstudierung Th. Kappert). Unter den Gästen sah man Se. Eminenz Kardinal Frings. [erschienen in: Kölner Stadtanzeiger, 18./19.03.1967]



"Askese statt barocker Pracht"

Die Matthäuspassion des Kölner Bach-Vereins unter Professor Kurt Thomas

[M.R.] - Mit asketischer Strenge interpretierte Kurt Thomas im Gürzenich Bachs Matthäuspassion. Das große biblische Drama wurde weit entfernt von aller Theatralik und nazarenischen Gefühlsaufweichung in rein musikalischem Gewand vorgestellt. Thomas unterband im bis auf den letzten Platz besetzten Saal jede Beifallsäußerung und konzentrierte sich so intensiv auf den Klang, daß er fast über den Text hinwegmusizierte - hätte Bach nicht in seinen Noten schon eine Textinterpretation geliefert. So war die gewohnte barocke Klangpracht einem Interpretationsstil gewichen, der in seiner Vergeistigung und Strenge dem Hörer ein ebenso ungewohntes Bach-Bild einprägte.

Der Chor des Kölner Bach-Vereins, rein, schön und ausgewogen im Klang, folgte den Weisungen des Dirigenten bis ins kleinste Detail. Gleiches gilt für das Kölner Bach-Orchester (mit Gisbert Schneider an der Orgel und einer ausgezeichneten Besetzung der solistischen und der Continuo-Partien). Der Knabenchor des Humboldt-Gymnasiums (Einstudierung Theo Tappert) prägte mit hellem, durchsichtigem Stimmklang den Cantus firmus des Eingangschors und zusammen mit den Sopranstimmen den figurierten Choral am Ende des ersten Teils.

In die fast puristische Deutung setzten die Vokalsolisten markante, individuell getönte Farbpunkte. Wohllaut im Stimmklang und unmittelbar in der Wirkung, war Friedhelm Hessenbruch ein kraftvoller Gestalter der Christusworte. Mit leuchtend hellem Tenor und bewegtem Vortrag sang Theo Altmeyer die Worte des Evangeliums. Ingeborg Reichelt beeindruckte tief durch eine wahrhaft sprechende Darstellung mit klar und weich geführtem Sopran. Rokokohafte Bewegtheit kennzeichnete den Vortrag der Altistin Maureen Lehane. Überzeugender Interpret der Baßpartien war Karlheinz Müller. [erschienen in: Kölnische Rundschau, 23.03.1967]




Konzerte vom 13./14.12.1966
Konzert vom 19.11.1967