KONZERT VOM FEBRUAR 1938

[Walther Jacobs] -Den "heiteren" Bach, dem man sonst nur gelegentlich oder bei Bach-Festen in seinen weltlichen Kantaten nähertritt, hatte eine Veranstaltung des Kölner Bach-Vereins im Gürzenich zum "Programm" erhoben. Die Barockdichtung mit ihrem gezierten und gebundenen Humor, ihrem Weltschmerz und ihrem Überschwang wie auch das Barocklied als mehrstimmige Gesellschaftsform finden heute ihre Liebhaber, bei Bach gibt für uns doch trotz dem Stofflichen die Vorlage das Musikalische den Ausschlag, auch wenn, wie in der "Bauern-Kantate", Volksweisen der Zeit verwandt und Tänze in ländlicher und höfischer Art charakterisiert werden. Professor Michael Schneider, der Leiter des Bach-Vereins, leitete den Abend stilgerecht mit Tanzformen, mit der C-Dur-Suite, die er musikantisch frisch und in manchen Sätzen straff führte, wobei ihm das Kölner Kammer-Sinfonieorchester mit virtuosem Können folgte. Auch rein klanglich war es eine vorzügliche Leistung. Nicht minder gelungen waren die "Kaffee-Kantate", in der das coffeelüsterne Lieschen sich schlau ihren Genuß nicht vom Vater Schlendrian schmälern läßt, und die "Bauernkantate", die zum Empfang eines neuen Gutsherrn geschrieben ist. Als vorzügliche Solisten wirkten Elisabeth Delseit mit leichtem, sauber geführtem Sopran und schelmischem Vortrag, in der kurzen Tenorpartie Friedrich Eugen Engels und der klangschöne und bewegliche Bassist Theo Hannappel; den schlichten, knappen Schlußchor der Bauernkantate sang ein Teil des Bach-Chors. In diesem Werk hat Bach auch an einer Stelle das musikgeschichtlich bekannte spanische Folia-Tanzthema verwandt. Die zahlreiche Hörerschaft hatte ihr feines Schmunzeln für den Humor Bachs, bei dem Weltliches und Kirchliches aus einer Quelle stammen und im Persönlichen gebunden ist, und dankte mit herzlichem Beifall ... [erschienen in: Kölnische Zeitung, 05.02.1938]



[Theodor Hüpgens] - Der allgemein animierten Stimmung der Vorkarnevalszeit Rechnung tragend, veranstaltete der Kölner Bach-Verein einen Abend im großen Saale des Gürzenich, an dem "Der heitere Bach" zu Worte kam. Daß dieser große Meister des Kontrapunkts neben dem tiefen ethischen Ernst seines Schaffens und seiner Persönlichkeit auch eine Seite künstlerischen Wesens hatte, die den irdischen Freuden und humorigen Reflektionen nicht abhold war, das bewies diese Veranstaltung in schöner Form.
Unter der gesund empfindenden und gewandten musikalischen Leitung von Professor Michael Schneider spielte das Kölner Kammer-Sinfonie-Orchester mit ausgeglichenem Klang die Suite in C-dur für Streichorchester, zwei Oboen, Fagott und Cembalo, und wußte den einzelnen Stücken dieser tänzerischen Folge eine delikate Darstellung zu geben. Die Kaffee-Kantate und die Bauern-Kantate bildeten die vokalen Kernstücke des Programms. Als Solisten dieser Darbietungen standen in der geschmeidig gestlatenden Sopranistin Elisabeth Delseit, in dem bekannten Tenoristen Friedrich Eugen Engels und dem markanten Bassisten Theo Hannappel gesangliche Kräfte zur Verfügung, die ihre Aufgabe in disziplinierter Weise gerecht wurden. Mitglieder aus dem Chor des Bach-Vereins standen der Aufführung gleichfalls zu Dienst ... Die eindrucksreiche Veranstaltung erfreute sich eines guten Besuches, und die Zuhörer hatten ihre Freude an den entzückenden Werkdarbietungen. [erschienen in: Kölnische Volkszeitung, 08.02.1938]



[Robert Greven] - Gewiß gibt es auch einen heiteren Bach. Der deutsche Großmeister des Barock hat nicht nur Passionen und Kantaten, Orgelwerke und ernste Instrumentalmusik geschrieben, sondern auch hin und wieder der heiteren Muse seinen Tribut gezollt. Daß dies mit einer gewissen und sozusagen, gravitätischen Würde geschah, läßt sich denken. Wenn Sebastian Bach hin und wieder einmal heitere Töne anschlägt, dann spiegelt sich in ihm ein gut Stück des teils heiteren und lebensfreudigen, teils empfindsamen und gemütvollen Leipziger Barock. So sind auch seine heiteren Kompositionen ein gewichtiger Beitrag zum Verständnis seiner Zeit. Mit einigen dieser sozusagen weltfreudigen Arbeiten des Meisters machte das letzte Konzert des Kölner Bach-Vereins im Gürzenich bekannt, und zwar mit der sogenannten Kaffeekantate für drei Solostimmen, einen Chorsatz und Orchester, und schließlich mit dem heiter-gemütvollen "Capriccio über die Abreise des vielgeliebten Bruders" für Cembalo: einem köstlichen Stück barocker Bildmusik, in dem nicht einmal das lustig schmetternde Horn des Postillons fehlt.

Die Kaffeekantate, zuletzt auf dem Kölner Bach-Fest 1933 aufgeführt, hat die schon damals bestehende Vorliebe der Leipziger für Kaffee zum Gegenstand. Der gestrenge Herr Vater möchte seiner Tochter das tägliche "Schälchen Coffee" abgewöhnen, muß aber schließlich erleben, das "Liesgen! sogar den Bräutigam für den Kaffe gewinnt. Die Bauernkantate "Mer han en neue Oberkeet" (Obrigkeit) ist eine Huldigungskantate für einen neuen Gutsherrn und besonders darum interessant, weil Sebastian Bach darin volkstümliche Tanz- und Liedmusik seiner Zeit verwandt hat. In der Potpourri-Ouvertüre der Kantate stecken sogar einige Walzertakte.

Mit dieser heiteren Seite des Thomaskantors also machte der Kölner Bachverein bekannt, und Professor Michael Schneider, der Gesamtleiter des "heiteren Bachabends" sorgte zunächst und vor allem dafür, daß die heitere Genügsamkeit der beiden Kantaten auch recht zum Ausdruck und Vorschein kam. Vor allem vermied er eine Wiedergabe einen frischen, sozusagen modernen Zug. Allerbeste Helfer waren ihm dabei die Kölner Sopranistin Elisabeth Delseit, dann der Tenor Friedrich Eugen Engesl und schließlich der gute Frankfurter Bassist Theo Hannappel. Die Mitwirkung des Chors beschränkte sich diesmal auf den kleinen Chorsatz in der Bauernkantate. Um so gewichtiger war die Mitwirkung des Kölner Kammer-Sinfonie-Orchesters, das ja bekanntlich durch Erich Kraack längst zu einem Bach-Orchester von Rang erzogen wurde und diese spezifischen Qualitäten in der Wiedergabe der C-Dur-Suite von Bach zum Ausdruck brachte. [erschienen in: Der Neue Tag, 06.02.1938]




Konzert vom November 1937
2 Konzerte vom Dezember 1937