KONZERT VOM NOVEMBER 1937

[Dr. Herbert Eimert] - Das erste Chorkonzert des Bach-Vereins in der Kartäuserkirche war über das Künstlerische hinaus bemerkenswert, bedeutete es doch nicht mehr und nicht weniger als den Beginn eines neuen und entscheidenden Abschnitts in der Kölner Bach-Pflege. Im fruchtbaren Zusammenwirken mit Studierenden der Musikhochschule und der Universität ist der Chor des Bach-Vereins auf eine neue Grundlage gestellt worden, und im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Vereins selbst - darüber wurde hier schon Grundsätzliches gesagt - ergab sich ein weitreichender Aufbauplan für die künftige Bach-Pflege. Diese äußere Festigung der Kölner Bach-Gemeinde war notwendig, damit die künstlerischen Aufgaben fruchtbar gestaltet werden können.

Seit der Berufung von Professor Michael Schneider ist die Zukunft des Bach-Vereins in dieser Hinsicht gesichert. Der neue künstlerische Leiter des Bach-Vereins hat in kurzer Zeit den Chor neu aufgebaut und mit seinem Aufgabenkreis vertraut gemacht. Es entspricht durchaus den heute gewonnenen Bach-Erkenntnissen, daß in der Chorbesetzung die natürlichen Grenzen des Kammerchors gewahrt werden. Denn in der gesunden Bach-Pflege kommt es nicht auf die Breitenwirkung an, wie sie im großen Konzertraum ihre Berechtigung haben mag, sondern auf Stiltreue und Vertiefung im Geiste der alten Meister. So dient dieser neugegründete Kammerchor des Kölner Bach-Vereins vornehmlich den Aufgaben der werkgetreuen Darstellung und der musikalischen Vergeistigung. Es sind Aufgaben, die das Höchste an Können, Hingabe, musikalischer Anschauung und geistiger Durchdringung verlangen.

Daß der Kammerchor unter Michael Schneider für solche Aufgaben gerüstet ist, zeigte sein erstes Auftreten in der Kartäuserkirche. Mit hohem Können und innerlich gesammelter Darstellung bewältigte der Kammerchor seine Aufgaben: Hans Leo Haßlers "O Mensch bewein dein Sünde groß" aus den "Vier Psalmen und christliche Gesäng mit vier Stimmen fugweis componiert" (1607), drei der fünf- bis sechstimmigen Motetten aus der "Geistlichen Chormusik 1648" von Heinrich Schütz und Bachs Motette "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn", die in einer Abschrift Johann Sebastian Bachs vorliegt und wahrscheinlich ein Werk seines Oheims Johann Christoph Bach, des bedeutendsten seiner Familienvorgänger, ist.

In der Wiedergabe der Werke lebte der Geist einer ganz in der Sache aufgehenden Darstellung. Solche Hingabe verlieh dem Gelungenen den Wert einer ursprünglichen, aus dem Werk selbst geschöpften Gestaltung. Die polyphone Linie war nicht nur durch das bedeutende gesangliche Können gesichert, sie hatte auch von innen her die Leuchtkraft, die aus dem Bereich einer geistig erhellten Musikanschauung kam. Das Klangbild war durchsichtig, rein und ausgewogen, es erreichte in der völlig gleichmäßigen Ausformung den Zustand des Schwebens, und es empfing seine Rundung auch von den schwächer besetzten Männerstimmen her. Michael Schneider gab dem Klang Durchsichtigkeit und weichen gleichmäßigen Fluß. Er hat den 35köpfigen Kammerchor zu mustergültigen Leistungen erzogen. Darüber hinaus hatte seine Gestaltung das Eindringende einer klaren, dem Geistigen zugewandten Darstellung. ... Von der Chor- und Orgelstunde in der gefüllten Kartäuserkirche ging der Geist echter Musikpflege aus. [erschienen in: Kölner Stadt-Anzeiger, 27.11.1937]



In der Kartäuserkirche, am Herd einer nie erlöschenden Flamme Bachschen Geistes, stellte Prof. Michael Schneider als künstlerischer Leiter des Bach-Vereins Köln zum ersten Male den von ihm neugebildeten Kammerchor des Kölner Bach-Vereins heraus. Zusammen mit der Orgel wird der Chor in der Mitte einer tief wirkenden Bach-Pflege stehen müssen; um so erfreulicher war daher die prachtvolle Leistung der jungen Chorgemeinschaft, wie die Programmgestaltung gleich zu Beginn. Michael Schneider, der von München aus reiche Erfahrungen als Chorleiter mitbringt, hat den etwa 35 Mitgleider starken Kammerchor als A-cappella-Chor in kurzer Zeit hervorragend geschult, so daß er sich an schwierige Motetten bis zur Achtstimmigkeit wagen und sie in ganz sauberer, runder und weicher Tongebung, die stimmlich nichts überspannte, wiedergeben konnte. Äußerst zart geriet Haßlers "fugweis komponiertes" O Mensch, bewein dein Sünde groß, dabei wie auch die folgenden drei Motetten aus der Geistlichen Chormusik 1648 von Heinrich Schütz und die Motette "Ich lasse dich nicht" in einer wohlausgewogenen Dynamik der Stimmen und klaren Führung des Stimmgewebes. Auch rein klanglich war der Charakter der Stimmen und das Gesangliche zu loben. So gab es ein Singen und Schwingen der Mehrstimmigkeit im Kirchenraum, das der seinen instrumentalen Wirkung der Barockorgel gleichkam. In einer musterhaften Gestaltung wurde auch die Motette "Ich lasse dich nicht" gesungen, die Johann Sebastian zugeschrieben, aber schon von Philipp Emanuel nicht anerkannt wurde. Das Werk, das in einer Schrift von Johann Sebastian vorliegt, ist wahrscheinlich ein Werk seines Oheims Johann Christoph ... Die Kartäuserkirche war dicht von der Bach-Gemeinde besetzt. [erschienen in: Kölnische Zeitung, 27.11.1937]



Kölner Bach-Verein

Bei der zweiten dieswinterlichen Veranstaltung des Kölner Bach-Vereins stellte sich erstmalig der neu zusammegestellte Chor des Bach-Vereins in der Öffentlichkeit vor und hinterließ mit diesem Debut einen nachhaltigen Eindruck, der für die hohe künstlerische Qualität des mit der Leitung des neuen Vokalkörpers betrauten Professor Michael Schneider spricht. Die Stimmen der Sängerinnen und Sänger finden sich in einem wohlig weichen Vokalklang zusammen, der nirgendwo die Tongebung vergewaltigt und ihr Zwang antut, vielmehr dem Schwingen der einzelnen Stimmen die notwendige subjektive Freiheit gönnt und damit innere Ruhe des Ensembleklanges und Sauberkeit der Intonation erreicht. Leichtigkeit und locker fließender Wohllaut erfüllenden Gesang und geben ihm, dem Vokalstil der Barockzeit, entsprechende Charakteristik. Gediegene und stimmungsreiche Musikalität ist der Direktion von Michael Schneider eigen, und unter seiner Leitung erstanden in einer überaus glücklichen Wiedergabe Chorsätze von Hans Leo Haßler, Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach, die in ihrer kunstvollen kompositorischen Anlage einen Prüfstein für ein Vokalensemble bedeuteten ... Die restlos gefüllte Kartäuserkirche war die würdige Umgebung dieser nach innen schauenden Musikstunde. [erschienen in: Kölnische Volkszeitung, 28.11.1937]



[Robert Greven] - Zum ersten Male in dieser Saison war in der Kartäuserkirche, dem idealen Raum für geistliche Kammermusik, eine aufnahmebereite Hörergemeinde versammelt, um ein geistliches Konzert zu hören. Veranstaltet wurde es vom Kammerchor des Bachvereins unter Leitung von Professor Michael Schneider und dem Organisten Fritz Bremer. Es war, wie man nahezu erwarten durfte, ein erlesener Abend im Dienste künstlerischer Kichenmusikpflege und im Geiste der alten Meister, deren Kunst der Abend zu starkem Leben erweckte. Ein Orgelchoral von Pachelbel, dem wichtigen süddeutschen Vorläufer Sebastian Bachs, über den Choral "O Mensch, bewein' dein Sünde groß" war für den Kammerchor das rechte Vorspiel zu einem herb-unsinnlichen Chorsatz Hans Leo Haßlers über dasselbe Choralthema. Einige Variationen über das Magnificat von Buxtehude waren wiederum die instrumentale Vorbereitung und Überleitung zu drei Motetten von Heinrich Schütz aus der Geistlichen Chormusik von 1648, die besonders durch die in einer Vorrede begründete Abkehr vom italienischen Kirchenkonzertstil mit Generalbaß musikgeschichtlich sehr wichtig geworden ist. Der Gipfel abendländischer geistlicher Chorpolyphonie sind wohl die Motetten Sebastian Bachs. Eine derselben, die Motette "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn" für achtstimmigen gemischten Chor, die besonders in der musikalischen Paraphrasierung der Eingangsworte einen wahren Wunderbau vielstimmiger Satzkunst errichtet, stand am Schluß der geistlichen Abendmusik des Bachvereins und vereinigte noch einmal alle Eindrücke künstlerischer Art, die das ganz und gar im Stil und im Geist dieser alten Chormusik aufgehende Singen des Kammerchors hervorgerufen hatte. In der Motette verzichtet Michael Schneider entgegen neuerem Brauch vollständig auf das Mitgehen von Orgel oder Streichinstrumenten. Daß bei einer solchen Aufführungspraxis von jedem Sänger das Höchste an Sicherheit und Reinheit verlangt wird, liegt auf der Hand ... Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Zeichen mehren sich, daß der Kölner Bachverein seine Krisen endgültig überstanden hat. Über dei große Bedeutung des Vereins im Kölner Musikleben ist kein Wort mehr zu verlieren. [erschienen in: Der Neue Tag, 29. 11.1937]




Konzert vom 02.02.1939
Konzert vom Februar 1938